13.03.06

Prognose: Frühling?

Irgend ein Teufelszeug muss es bis ins Grundwasser geschafft haben. Und das nicht gestern oder heute, sondern schon vor langer, langer Zeit. Wie sonst will man erklären, daß es in diesem Land derzeit keine verlässlichen Prognosen mehr gibt?

Das fing im Vorfeld der letzten Bundestagswahl an, als die Meinungsforscher die Stimmung im Lande so falsch abbildeten, daß man ihnen eigentlich Berufsverbot erteilen sollte. Das geht weiter über so wirklich jede Art von Konjunkturdaten, die wie die Zahl der Auftragseingänge im Monat Dezember nachträglich stark nach oben korrigiert werden müssen. Ein genaues Bild der momentanen Lage ist so schwer zu erkennen.

Das endet beim Trainer unserer Nationalmannschaft, der für sich selber mal fix hochgerechnet hat, wieviel Zeit er pro Woche in sein Hobby zu investieren bereit ist. Schade nur, daß wir anderen bei der einzigen Heim-WM der nächsten drei Generationen erleben dürfen, wie unsere Nationalmannschaft nicht über die Vorrunde hinaus kommt. Aber so ein schönes Häusle in Kalifornsche, das darf auch nicht alleine rumstehen in der Sonne.

Apropos Sonne. Es bleibt nur zu hoffen, daß auch der Wetterdienst sich mit dem auf deutschen Arbeitsmärkten vorhandenen Prognostikermaterial eingedeckt hat. Dann nämlich würde dieselbige demnächst mal rauskommen und die Temperaturen über den Gefrierpunkt treiben. Aber glaubt es oder nicht, Freunde, ausgerechnet die Wetterheinis liegen derzeit nie daneben!

22.02.06

Internashville Urban Hymns

Von der aktuellen Bosshoss-CD mag man halten, was man will. Es gibt jedenfalls gewisse Leute, die diese Art von Musik sehr, sehr mögen. Egal, ob man die Musik der Berliner Countrygruppe als kunstvoll und einfallsreich einstuft oder nicht, einen Kindergarten bringt man damit innerhalb von zehn Sekunden zum Kochen.

Wie so vieles auf der Welt zählt auch diese allgemein für überflüssig gehaltene Information zu jener Art von Wissen, die unter bestimmten Umständen eine Menge Geld wert ist. Werdet Väter oder Mütter, und ihr wisst, was ich meine.

04.01.06

Morgendliche Selbsterkenntnis

Ich bin eine Sau. Ich erkläre mal kurz warum: Morgens fahre ich mit der Straßenbahn zur Arbeit. Das heißt, wenn es nicht hell genug ist, um zu laufen und dabei zu lesen. Ich bin nämlich unter anderem ein Body-Typ, wie mir die Unterlagen vom Effective Learning Skills Team der University of Bradford mitgeteilt haben. Deswegen empfiehlt sich für mich ein Lernstil "auf Reisen", also z.B. während Zugreisen oder halt beim Laufen. Oder in der Straßenbahn, aber das nur am Rande.

Jedenfalls verhält es sich so, daß ich mit der einen Straßenbahnlinie eine Station fahre und dann mit einer anderen ein paar weitere. Von der Distanz wäre das in Berlin eine "Kurzstrecke" für 1,20€, wegen der unterschiedlichen Linien aber eine "Normalfahrkarte" für 2,10€. Heute morgen war die Bahn der ersten Linie proppevoll und jemand war damit beschäftigt, sich eine Fahrkarte zu kaufen. Weil der Automat sein Zwei-Euro-Stück aber nicht leiden konnte, zog sich das hin. Und zwar bis zur nächsten Station, an der ich die Bahn verließ. In diesem Fall immer noch ohne Fahrkarte. Zeitgleich lief übrigens in dieser Bahn eine Fahrkartenkontrolle ab, die mich jedoch zum einen wegen des Füllgrades der Bahn mit Personen nicht tangierte und zum anderen nicht, weil ja besagte Person vor mir sein Zwei-Euro-Stück nicht im Automaten unterbrachte, den Automaten daher blockierte.

Beim Einstieg in die zweite Linie habe ich mir dann eine "Kurzstrecken"-Fahrkarte gekauft. Handelte sich ja nur noch um diese billigere Variante. Ich bin also ein Betrüger, habe ja die erste Linie - sogar unter Aufsicht der Kontrolleure - unbezahlt benutzt. Aber da wollen wir mal nicht so genau sein bei den Preisen. Das, was noch zu bezahlen war, war halt nur noch eine "Kurzstrecke".

Ich fühle mich aber, das sagte ich bereits, zum Teil als Sau. Soviel sei zugegeben. Das liegt aber auch ein kleines bißchen daran, daß der Fahrkartenautomat in der zweiten Linie mir als Wechselgeld nicht die erforderlichen 80 Eurocent angeboten hat, sondern deren gleich 85. Ich habe die Berliner Verkehrsbetriebe heute regelrecht von vorn bis hinten beschissen. Und zwar um sagenhafte 95 Cent.

Ich bin also, daran bleibt kein Zweifel, eine einwandfreie Sau!

[Juristischer Hinweis: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Hand aufs Auge und gezwinkert!]

02.01.06

Mehr Feiertage - mehr Wirtschaft!

Übrigens: In den letzten zwei Jahren hatten die Arbeitgeber einiges Glück, was die Feiertage ihrer Arbeitnehmer anging. Die fielen ja zum großen Teil immer aufs Wochenende, führten also zu keinem zusätzlichen Arbeitsausfall. Und, hat es was genutzt? Wohl kaum. Wie wir alle wissen, war Deutschland das Schlußlicht in der EU, was das Wirtschaftswachstum angeht.

Im kommenden Jahr werden nun aber die Feiertage günstiger für die Arbeitnehmer fallen - und somit ungünstig aus Arbeitgebersicht gelegen sein. Führen die zusätzlichen Arbeitsausfälle zu noch schlechterer Wirtschaftslage? Seltsamerweise nicht, prognostizieren doch alle Wirtschaftsinstitute eine kräftig wachsende deutsche Ökonomie. Die wird in diesem Jahr auch nicht mehr Schlußlicht in Europa sein.

Und was lernen wir daraus? Mehr Feiertage, mehr Wirtschaft! Ist doch logisch. Wie kann demzufolge die Forderung des Denkpasses nur lauten?

Mindestens einhundert neue Feiertage! Pro Person! Pro Woche! Für immer!
Frohes, neues Jahr, Freunde!

29.12.05

Intime Offenbarungen

Und? Wie lange hat es nach der Hochzeit gedauert, bis Deine Frau vor Dir gepupst hat? Ein Jahr? Zwei Jahre? Oder länger? Nie?

Nun, zumindest in Japan, so behauptet diese Seite, haben 43% der frischvermählten Bräute innerhalb eines Jahres einen analen Hustenanfall vor ihren Männern und 29% folgen im Jahr danach.

Wie schnell japanische Ehemänner brauchten, um ihre Darmluft offen zu versprühen, bleibt jedoch ungeklärt.

[via Hardball Times]

12.12.05

Das Geheimnis meines Erfolgs

... lautet lächeln und kompetent wirken.

06.12.05

Oberste Regel

Immer dran denken, Freunde:

Wer ficken will, muß freundlich sein.

01.12.05

Was ist riesengroß und schwimmt in einem Kochtopf?

Machen wir uns mal nichts vor: Irgend jemand hat was gegen Geflügelfleisch. Soviel ist klar. Erst die Vogelgrippe und nun eine Reihe von , deren Ausgangspunkt eine mehrere Tonnen schwere Ladung verdorbenes Geflügelfleisch war.

Wie es scheint, tobt hinter den Kulissen der fleischverarbeitenden Industrie ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Vielleicht angestiftet von englischen Rinderzüchtern, die ja seit BSE nur noch selten lächeln und ihr Fleisch als das von walisischen Rindern verkaufen? Die Geflügelzüchter-Mafia hat jedenfalls sofort zurückgeschlagen - bei einem der nächsten Funde war dann beinahe jede Fleischsorte, die Mitteleuropäer zu sich nehmen, enthalten: Huhn, Schwein, Rind und Pferd.

Aber was können die bundesdeutschen Verbraucher denn nun sorgenfrei in sich hineinstopfen? Döner jedenfalls nicht. Schweinefleisch vielleicht? So richtig nicht. Auch Schweine werden krank. Zudem sind sie Teil des Skandals um verdorbenes Fleisch. Also - Rinder! Aber da gibt es ja BSE. Zur Freude unserer indischen Weltenbürger nimmt die Kuhfresserei also ab.

Was bleibt? Pferde? Nein, auch schon verdorben ausgeliefert worden. Zudem emotionaler Bezugspunkt fast aller jungen Mädchen. Gar nicht auszudenken, die seelischen Qualen und der konzentrierte Hass, sollte dem Papa des Sonntags am Mittagstisch eine vor Fett triefende Pferdekeule aus dem Schlund ragen.

Straußen vielleicht. Aber nein. Zwar werden auch die Riesenvögel mittlerweile in Deutschland industriell angebaut, sie können aber ebenso wie der kleinste Piepmatz der Vogelgrippe zum Opfer fallen.

Wie sieht's mit Hunden aus? Die Chinesen, und an denen werden wir uns ja mittelfristig orientieren müssen, als Leitnation sozusagen, die Chinesen jedenfalls verdrücken ja gerne mal einen Köter. So sagt man jedenfalls. Eine schöner Nebeneffekt einer konzertierten Hundefressaktion wäre ja auch die Befreiung der innerstädtischen Gehwege von deren Ausscheidungen. Die werden offensichtlich nur von Nicht-Hundehaltern wahrgenommen, sind aber gerade von der BILD-Zeitung in einem Hamburg-Berlin-Vergleich thematisiert worden.

Wie wär's mit Fischen?`Erstmal eine Kopfnuß demjenigen, dem diese schwachsinnige Idee zuerst einfiel! Warum? Ganz klar - Fische sind kein richtiges Fleisch. Pfui! Aber selbst wenn wir mal beide Augen eines Carnivoren zudrücken, gibt es Probleme. Fische sind nämlich überfischt (seltsam: gibt es das auch beim Schwein? Oder nur beim Menschen?). Einer der beliebtesten Speisefische vergangener Tage, der Kabeljau, ist vom Aussterben bedroht.

Zootiere! Ja, das ist doch mal ein Vorschlag. Elefanten, Känguruhs, Tiger und Pandabären, die sitzen da den ganzen Tag herum und fressen sich die Wänste voll. Ossis und Arbeitslose werden dafür als Sozialschmarotzer beschimpft. Und die Viecher im Zoo? Grinsen uns ins Gesicht! Schluß, aus, basta! Ab in den Kochtopf mit dem Viehzeug. Dem Gesockse werden wir ein für allemal zeigen, wer am Ende der Nahrungskette steht. Dann kann auch keiner mehr rummotzen, daß die Tiere im Zoo gequält werden. Was aber machen wir mit den leeren Käfigen? Wen führen wir unseren Kindern vor? Na, ganz klar: in die Käfige packen wir Ossis und Ein-Euro-Jobber. So haben alle was von der Sache.

Es gibt natürlich eine weitere Lösung unseres Fleisch-Engpasses. Eine, bei der wir die Sozialschmarotzer innerhalb und außerhalb der Zoos in Ruhe lassen können. Es ist Zeit, daß wir bei unseren anhaltenden Problemen in der Fleischversorgung jedes Tabu überprüfen. Jedes. Auch das Walfangverbot. Die Bestände haben sich doch mittlerweile erholt, oder?

16.11.05

Von Träumen und Idealen

Die Menschheit, so sagt man, beruft sich auf eine etwa zehntausendjährige Geschichte. Zehntausend Jahre also gibt es uns. Das sind etwa dreihundert bis vierhundert Generationen von Adam und Eva zu mir und dir. Innerhalb jeder Generation kehren die selben Muster immer wieder: Wir sind Kinder und werden Jugendliche. Wir wehren uns gegen alle Vorschriften und Ansichten, lernen lieben und kämpfen für unsere Ideale. Dann schenken wir selber Leben und werden zurückhaltender. Zu dem Zeitpunkt, wo unsere Kinder selber Kinder zeugen, werden wir alt. Irgendwann sterben wir.

Und all das machen wir seit dreihundert oder vierhundert Generationen und wissen noch immer nicht warum. Keine Ahnung, was wir auf diesem Planeten verloren haben, was unsere Aufgaben und Ziele sind. Welchen Sinn dieses Projekt der Natur haben könnte. Wir leben vor uns hin, von Generation zu Generation, und wiederholen alle Fehler, die man schon vor uns zigmal wiederholt hat. Greifen zu den Waffen, rotten Leben aus, vernichten unsere Feinde und die Umwelt. Und wissen - habe ich es schon aufgeführt? - nicht mal, warum wir das tun. Welchem hehren Ziel wir dienen.

Sind Fortschritte erkennbar? Sind Fortschritte überhaupt möglich und meßbar, wenn man nicht mal weiß, wohin die Reise führen mag? Wie denn zuverlässig bestimmen, ob es vorwärts ging, wenn wir nicht wissen, wo wir hinwollen. Wir wissen ja kaum, wo wir herkommen. Es ist das Schicksal des Menschen, vor lauter Aktivität keine Zeit dafür zu haben, um sich die Ruhe zu nehmen und über sich selbst zu reflektieren. Wir wurschteln halt so vor uns hin. Und haben dabei bereits dreihundert oder vierhundert Mal die Träume und Ideale einer ganzen Generation zu Asche zerfallen lassen.

Keiner lernt daraus, weil man immer denkt, uns passiert das nicht. Tut es aber. Gerade jetzt. Hier und heute.

19.10.05

Neue Wetten braucht das Land

Das ZDF sieht sich durch die ARD benachteiligt (so erhält man beispielsweise nur das kleinere Stück des Gebührenkuchens!) und will sich damit nicht mehr abfinden. Auch beim Thema Schleichwerbung haben die Jungs und Mädels vom Allgemeinen Rundfunk Deutschlands ja gegenüber den Mainzelmännchen und -frauchen die Nase vorn. Ja, bis auf Wetten, daß... kann das ZDF nirgends auch nur ein Körperteil vor dem großen Konkurrenten über die Ziellinie bugsieren. Um so wichtiger, daß das Flaggschiff der deutschen Fernsehunterhaltung weiter auf Kurs bleibt.

Der Sendung werden über kurz oder lang jedoch die Wetten ausgehen. Vorwürfe der Manipulation gab es früher und auch heute. Ganz klar - dem ZDF muß geholfen werden. Die geballte Kreativität der Blogcommunity sei hiermit aufgerufen, tolle Ideen für neue Wetten zu sammeln. Der Sieger, sollte er jemals gewählt werden, kriegt ein saftiges Küßchen und darf sich aus des Denkpasses eigenem T-Shirt-Shop ein tolles Nachthemd aussuchen. Jawohl!

Bei so tollen Preisen geht der Denkpass auch selber an den Start und schlägt aus dem Munde eines Kollegen folgende Wette vor:

Wetten, daß gewisse Arbeitskollegen zweifelsfrei am Gestank identifiziert werden können, den sie auf der Toilette hinterlassen?
Man stelle sich die Umsetzung dieser Wette vor! Spaß für alle und die Möglichkeit, das auch mal selber auszuprobieren. So werden Zuschauer begeistert.

[Wer mitmachen möchte, trackbacke diesen Blödsinn einfach und setze das bei sich fort. Oder ihr nutzt die Kommentare. Oder ihr schaltet eine einseitige Anzeige im Handelsblatt, wo ihr euch auf das hier bezieht. Ich lese das Handelsblatt im Abo, sollte das also mitkriegen. Oder ihr fliegt mit ´nem Zeppelin über Berlin rum, bis ich euch sehe. Oder ihr seid so freundlich wie der Hacker vor einiger Zeit und kapert einfach den Server. Oder ihr ruft beim ZDF an und verlangt nach dem Denkpass. Ihr seht schon, es handelt sich um ein ziemlich offenes Regelwerk...]

10.08.05

In Zement investieren? Besser in Rohdiamanten!

So, von einem Mafiablogger zum anderen: Dieser ganze Mist mit den Betonschuhen ist doch völlig ausgeleiert.

Konkurrenten loswerden ist manchmal nötig, keine Frage. Aber ihnen deswegen Betonschuhe verpassen? Sie stundenlang bei Laune halten, damit sie nicht rumzappeln, während der Beton trocknet? Zementsäcke schleppen? Sich den Armani-Anzug mit Betonspritzern versauen? Die deutschen Gewässer verschandeln, wo man nach langen Jahren gerade erst wieder in ihnen baden kann?

Das ist unzeitgemäß. Und teuer: Zwar kann man wegen des überteuerten Zements die Hersteller verklagen. Aber was soll man sagen, wenn die fragen, was man mit all dem schönen Zement angestellt hat? Ihnen Unterwasseraufnahmen von Luigis Bande zeigen? Nein, nein. Dieser ganze Betonschuhmist ist einfach überholt.

Dafür gibt es ja jetzt was besseres: In der Schweiz hat sich jemand Gedanken darüber gemacht, wie man geschickt Leute los wird. Und so gibt es jetzt ein Unternehmen, daß einem dabei hilft, mit dem Ableben der Konkurrenz noch etwas Kasse zu machen. Neben dem Erweitern des eigenen Geschäfts, wohlgemerkt. Man kann dort Kremationsasche abgeben und erhält dafür Rohdiamanten zurück. So kann man entweder die dumpfen Auftragskiller entlöhnen - oder aber man spart bei den Geschenken für die Freundinnen. So ein kleiner Edelstein im Ausschnitt sieht doch klasse aus, oder?

- Hinweis: Wer diesen Text nicht für eine völlig überflüssige, satirische Meinung des Autors hält, ist selber schuld. -

26.07.05

Üppig nicht immer besser!

Unsereins hat aber auch Probleme!

22.07.05

How many 5-year-olds could you take out?

In einem der entferntesten Winkel des Zentralnervensystems jedes Elternteils wid sich einmal eine flüsternde Stimme gewagt haben, folgenden Gedanken zu formulieren. Dafür sind Kinder einfach ständig zu präsent, zu ausdauernd und zu unermüdlich, um nicht jedes Elternteil außer den wirklich extremistisch pazifistischen, dazu gebracht zu haben, sich zu fragen, mit wievielen dieser kleinen nervtötenden Bestien man es aufnehmen könnte, um himmlische Ruhe zu schaffen. Nicht immer, nicht mal täglich oder wöchentlich, aber mindestens einmal in all den Monaten und Jahren wird man sich dieser Frage stellen müssen. Hier also die Bedingungen:

• You’re in a basketball court-sized area.
• There are no foreign objects.
• You are not allowed to touch a wall.
• You lose if knocked out. You win if you knock them all out.
• The pool will be representative of normal 5-year-old demographics.
• The kids receive one day of training from combat experts.
• You will receive one hour of combat training.
• No protection other than a standard groin cup.
• The kids will not get scared. Even the last one will give it his/her best.
Wieviel könnten es sein? Wieviel dieser kleinen Monster, Minisaurier und Löwenherzchen würde man schaffen? cdog sagt dazu in einem der Kommentare folgendes:
Speaking as a father of a 4 and 6 year old: I don't think you would last 5 seconds against these odds. Kids this age know no fear, and they attack without mercy. Give them combat training and you would have the ultimate killing machines. The horror...the horror...
Ich denke, er hat recht. Man hätte nicht den Hauch einer Chance.

Am besten also einfach mitmachen bei dem Lärm, der Hektik und dem vielen Rumgehopse. Wie gesagt, man hätte nicht den Hauch einer Chance - aber man ist fitter! Also mitmachen und ermüden. Schlauchen. Und dann ins Bettchen bringen...und sich selber daneben legen.

21.07.05

Große Geschäfte?

Was macht man, wenn man ein großes Geschäft zu verrichten hat, aber sich in der Schwerelosigkeit einer Weltraumstation wiederfindet? Hier gibt´s das Video!

Was aber würde man tun, wenn man mit seinem Auto im Stau steht und sich trotzdem gerne noch einmal den harten Leib entleeren möchte? Kurz neben die Autobahn geflitzt? Nein - Bumper Dumper gekauft!

Für Trockenfurzer gibt´s auch die Variante im Auto:

Sollte man aber weglassen. Der Bumper Dumper hat viel mehr Sex Appeal...

High Fidelity

Es gibt sie unter uns, die Leute, für die eine gute, ausgezeichnete, sagenhafte HiFi-Anlage den Lebensmittelpunkt darstellt. Am Wochenende hat Andreas Wendenroth in der Berliner Zeitung über einige von ihnen berichtet:

Es ist ihnen egal, wie sie herumlaufen und wenn eine neue Endstufe ansteht, essen sie notfalls ein halbes Jahr aus der Büchse. Meistens leiden ihre Beziehungen ein bisschen darunter, ihre Interessen sind etwas einseitig ausgerichtet, und ich kenne wirklich keine Frau, die sich in einen Typen wegen seiner Hornlautsprecher verliebt hätte. Auch eine Schallplattenwaschmaschine im Schlafzimmer muss eine Beziehung erst einmal verkraften. Hifi-Freunde ticken anders. Eigentlich sind es harmlose Menschen, ihre Aggressivität richtet sich in der Regel gegen sich selbst.
Zu einem Teil sind von dieser Aggressivität allerdings auch die Mitbewohner der Häuser betroffen, in denen die HiFi-Freunde sich neben ihren Anlagen kärglich eingerichtet haben. Aber das nur am Rande. Wendenroth erzählt jedenfalls die Geschichte einiger dieser Sonderlinge, an deren Ende einem davon klar wird, daß es etwas besseres als HiFi geben möge.
Neulich rief mich Gerhard mit dem Handy vom Ostseestrand Warnemünde an, wo er das erste Mal in seinem Leben ein klassisches Konzert besucht hatte. Er hatte eine Aufführung des dortigen Kurorchesters mit Ausschnitten aus Vivaldis "Jahreszeiten" gehört und war nun der Meinung, dass es viel vernünftiger war, sein Geld für Konzertkarten als für "Hifi-Scheiße" auszugeben. Der Cellospieler hätte sich oft verspielt, aber wie Gerhard sagte, am Ende "immer wieder seinen Weg zurückgefunden", was ihn offenbar sehr beeindruckt hatte. Ein Livecello klänge auch völlig anders als auf der Anlage. "Die vergessen doch alle worum's geht", sagte Gerhard und sprach von Spinnern. Er wollte seine Anlage jetzt verkaufen.
Das ist mit Sicherheit zu dramatisch. Man kann ja auch beides haben, oder? Guten Sound zu Hause und von Zeit zu Zeit live in der Philharmonie.

Lesenswerter Artikel, in dem sich eigentlich jedermann zu einem Teil wiederfinden kann.

18.07.05

Kraftsportler? Nein, Pornofan!

Wer in Indien Pornos schaut, bei dem bleibt´s nicht nur bei ´nem Tennisarm! Da werden beide Arme gleichmäßig trainiert!

24.06.05

Auf die Linie achten!

Wie man bei Frauen schnell hohe Sympathiewerte erreicht? Ganz einfach - ihnen situativ angepaßt folgenden Satz um die Ohren knallen:

So früh frißt Du schon was?

20.06.05

Bundesrat fordert Besäufnisse bereits bei der Verlobung

Wie das Leben der einfachen Bürger in der kommenden Regierungszeit aussehen wird, erfährt der aufmerksame Abonnent der e-mail-Newsletter des Bundestags bereits heute. Der derzeit christlich-demokratisch kontrollierte Bundesrat müht sich redlich, auch die letzten heiratswilligen Paare dieser grandiosen Nation vom Heiraten abzuhalten. Dazu brachte man im Parlament einen Gesetzesentwurf unter der Bundesdrucksache 15/5659 ein, der zur Tarnung gegen das Zeugnisverweigerungsrecht von Verlobten vorgeht.

"Aber das ist natürlich nur ein Vorwand.", wie man dem Denkpass unter vorgehaltener Hand mitgeteilt hat, "In Wirklichkeit geht es hier um was ganz anderes."

Wie aus Merkels Schattenkabinett zu erfahren war, wolle man "nicht wirklich" Verlobungen anders behandeln als zuvor. Man wolle ganz einfach die Diskussion anfachen. Später würde schon "irgend jemand den passenden Vorschlag machen", so war aus Berliner Kreisen zu hören. Der sei ganz einfach die staatliche Registrierung der Verlobungen. Nur so könnte letztendlich im Falle der Berufung auf das Zeugnisverweigerungsrecht kontrolliert werden, ob das Paar auch wirklich verlobt sei.

Weil das natürlich mit einigem Aufwand verbunden sei, könnte man die Hochzeitsfeier auch gleich vorziehen. Von den dann "zwei Besäufnissen" im Falle einer Hochzeit verspreche man sich beispielsweise eine gezielte Stimulation des Verkaufs gewisser landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Und wenn die frisch Verlobten wollen, würde die künftige Kanzlerin ihren Segen auch gleich vor Ort geben. Voraussetzung wäre natürlich die Verabreichung einiger Becher gegorenen Traubensafts, so ein Vertrauter der CDU-Spitzenkandidatin.

So, werte Leser, gewinnt man Wahlen in diesem Land: freundlich lächeln, und immer ein gefülltes Glas am Hals! Prost!

01.06.05

Titanische Verhältnisse

Aus der Toilette drang plötzlich ein dumpfes Gebrülle, gefolgt von einigen Schlägen gegen die Tür. O. überlegte sich kurz, ob er eingreifen sollte. Aber selbst der Gedanke daran, auch nur eines seiner Gliedmaßen bewegen zu müssen, schreckte ihn ab. Und warum auch? Die Nachbarn hatten das Wochenende bislang ruhig über sich ergehen lassen. Sie waren, soviel schien mittlerweile klar zu sein, sehr tolerant gegen drogeninduzierten Lärm.

"Halt´s Maul!", schrie O., um wenigstens etwas zur Rettung seiner Wohnungseinrichtung zu unternehmen.

"Wieso?", fragte ihn G. sanft. Er stand in Unterhosen im Wohnzimmer. Hinter ihm schien Licht durch die offene Toilettentür in den Flur. Auch das Laufen des Wasserhahnes war noch zu vernehmen.

"Whhmmmmmpfff.", winkte O. ab und griff nach einem der Gläser auf dem Tisch.

"Alter! Ick schieb ´ne Optik.", fuhr G. fort, "Eens meener Oogen fehlt."

O. hatte mittlerweile ein halbvolles Glas gegriffen und riß es hoch, wobei er etwas Flüssigkeit verspritzte, "Echt? Welchet denn?"

"Det weess ick noch nich so jenau.", antwortete G. und setzte sich.

O. trank etwas und rülpste dann, "Ick will´n Film kieken. Kannste mal die Fresse halten?"

Der Film lief bereits seit einigen Stunden. Wie sie dazu gekommen waren, sich gerade dieses Machwerk auszuleihen, konnte keiner der beiden mehr sagen. Optisch, da waren sie sich einig, gab es nichts auszusetzen. Das Drehbuch war es, das ihren Zorn erregte - zuviel Liebe, zuwenig animalischer Sex und bislang nicht ein Alien weit und breit. Titanic schien nicht für sie gedreht worden zu sein, soviel dämmerte ihnen bereits.

"Wesste woran de erkennen kannst, det de richti´ in ´ne Scheiße steckst?", fragte G.

"Woran´n?"

"Wenn de uff´n Vordeck von den Scheißkahn stehst, und´n Eisberg an deiner Backbordseite langschrammt, der sich zu den übrigen Eisbergen, die man so kennt, verhält wie´n Sumoringer zu´ne Eintagsflieje, denn is det erstmal keen jutet Zeichen, wür´ick sachen."

"Det seh ick ooch so. Und wenn det janze Schiff anfängt zu wackeln, noch viel wen´jer."

O. versuchte, sich aufrecht hin zu setzen. Er kramte einige Sekunden unter dem Tisch herum, holte eine Uhr hervor und blickte drauf.

"Wir brauchen Spaghettis!", brüllte er, sprang auf und lief in die Küche. "Richti´ vülle Spaghettis."

"Noch mehr als wa schon ha`m?", schrie ihm G. hinterher und grinste.

"Ja. Jenau.", war O. zu hören. Aus der Küche drang das Geklapper von Geschirr und Töpfen, unterbrochen von kurzen Hustenanfällen und einigem Geschrei. Nach einer Weile kam O. mit zwei Schüsseln voll dampfender Spaghettis und rotbrauner Soße ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Tisch.

"Wir brauchen viel mehr.", sagte er, "Viel, viel mehr. Mehr als uns in unserer Situation lieb sein kann."

O. tänzelte mit einigen Schritten zur offenstehenden Balkontür, schrie "Juchhu!" hinaus und schloß die Tür geräuschvoll. G. aß bereits.

"Det is übrijens ´n weiteret Zeichen, det det nich jut aussieht.", sagte O.

"Wat denn?", blickte G. auf.

"Na, dette da.", O. zeigte mit seiner Gabel auf den Fernseher und kaute weiter. Einige Spaghettis fielen auf den Teppich, "Wenn´e Ratten schneller als de Passagiere den vorgeschriebenen Notausjängen zueilen, dann würd´ ick mir ´n Kopp machen."

G. rülpste und nickte. Sie aßen weiter.

"Und det dürfte det endjültije Zeichen sein, det wat nich in Ordnung is.", sagte O. schließlich. Im Film war der Kapitän gerade ins Funkschapp getreten und hatte den Funkoffizier angewiesen, ein Notsignal abzusetzen.

"Nur der letzte Depp schnallt jetz nich, wat los is."

"Det is keene Übung mehr. Jetz´ wird´s Zeit für Plan B."

"Jenau, Alter. Jetz´ is höchste Zeit, in´ne Kapitänskajüte zu latschen, den bekackten Safe zu sprengen und Plan B raus zu holen."

"Wann willste den Scheißplan holen, wenn nich jetze? Der ursprüngliche Plan is offensichtlich im Scheitern begriffen."

"Aber die sehn nich so durch wie wir, verstehste? Die sin´ völlich bekloppt, die Schädel!"

O. rülpste, steckte seine Gabel hochkant in den verbliebenen Berg von Spaghettis auf seinem Teller und lehnte sich zurück. Er lächelte. Nach einer Weile holte er unter einem Stapel Zeitungen eine Zigarette hervor und zündete sie an.

"Scheiß Videothek.", sagte er, "Die hätten uns uff den Scheiß vorbereiten soll´n."

"Jenau. Man hätte uns nich´ einfach so losschicken dürf´n.", antwortete G. und aß weiter. "Irgendwelche präzisen Anweisungen brauchen wa schon, wie wir mit dieser Scheiße umjehen sollen."

"Mindestens ´n A4-Blatt mit ´ner kurzen Übersicht oder wat? ´N paar klare Instruktionen. Wat willste mehr?"

"Ick weeß et ooch nich´."

27.05.05

Must be out of his mind!

Aaron is right of course. If someone looks like this at his own murder trial, something must be wrong with him!

16.05.05

Über die wohltuende Wikrung eines Abwaschs

Eine der Forderungen, wenn nicht die wichtigste, die wir an unsere Freizeitbetätigung stellen, ist die Möglichkeit zur völligen Befreiung unseres geplagten Geistes von Alltagssorgen. Dies wird in der Regel am einfachsten gehandhabt, indem man sich geistig total aus der üblichen, problembehafteten Umgebung löst. Dafür bieten sich zum einen gewisse psychoaktive Substanzen an, deren Nebenfolgen bei allzu optimistischer Dosierung aber in manchen Fällen von jeglicher Erinnerung nicht nur an die teuer erarbeitete Freizeit, sondern auch an die Sorgen selber sowie den ganzen Rest der eigenen Persönlichkeit befreien. Eine wirksame Lösung von Alltagssorgen ist aufgrund fehlender Erinnerung an sorgenfreie Freizeit-Zustände leider kaum befriedigend.

Dann gibt es da ja noch den Sport. Die ebenso anspruchsvolle wie aufregende Teilnahme an einer Mannschaftssportart, meinetwegen auch im Dark Room der einschlägigen Clubszene, hilft einem dabei, Probleme des Alltags vorübergehend zu verdrängen. Die sorgenfreie Erinnerung an den sorgenfreien Zustand ist in diesem Falle, außer bei gewissen Sportarten mit vollem körperlichen Kontakt, eigentlich immer möglich. Ich zum Beispiel suche mir meine Alltagssorgenbefreiung beim Joggen oder Baseball, was mir zugleich den dringend benötigten körperlichen Ausgleich verschafft.

Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit, den Sorgen des Alltags zu entfliehen: Hausarbeit. Ja! Nehmen wir zum Beispiel den Abwasch. Ich mache das gerne. Da kann man einfach so abschalten, sich voll auf die runden und eckigen Formen der Teller und Pfannen konzentrieren, hier ein bisschen Fett abschrubben, dort etwas festgebratenes Gemüse abkratzen und sich immer freuen, wie toll sauber das Abgewaschene aussieht, während man nebenbei das Abwaschwasser im Auge behält und so die Mahlzeiten der letzten Woche Revue passieren lassen kann. Und am Ende freut man sich, was man alles so geleistet hat und wie toll es in der Küche aussieht. Geschirrspüler? Pahh. Ist was für Schwuchteln. Richtige Männer waschen selber ab. Jawohl!

So, Freunde, eins müsst ihr mir aber versprechen: Das Ganze bleibt unter uns! Wehe, ihr verratet das meiner Frau.

06.05.05

Polizisten auf Rädern, Teil II

Hmmm. Wenn der Denkpass eine Kleine Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus bemerkt und über seltsame Häufungen von Unfällen schreibt, in die die Fahrzeuge der Berliner Polizei verwickelt sind, Spiegel Online drei Monate und einen Tag später das Thema aufgreift und ausführlich darüber berichtet, kann man dann in diesem Fall erfolgreich argumentieren, daß die Herren Spiegel Online-Redakteure zu den Lesern des Denkpasses gehören?

Wer weiß das schon und ist es wirklich wichtig? Eines lässt sich aber sicher feststellen: Der Denkpass war mal wieder schneller!

26.04.05

Ein harter Hund

Roger Willemsen in der Ausgabe 01/05 der Zeitschrift chrismon über Gefahren für Leute, die nach der Disco noch schnell ins Freibad einsteigen wollen:

Ich war als junger Mann während meines Studiums Nachtwächter in Bonn. Die Nachtwächter sind eine der ärmsten Klassen, die man sich vorstellen kann. Sie arbeiten bis zu sechzehn Stunden, haben ruhende Tätigkeit, verdienen wenig, viele trinken, ihre Familien sind zerrüttet. Und diese Leute haben Hunde und tragen an den Hunden ihre Misere aus. Ich kann wirklich niemandem raten, nachts in ein Freibad einzusteigen: Er sieht sich einem Nachtwächter gegenüber, der seine Angst am liebsten mit einem Schuss aus seiner Schreckschusspistole kompensieren würde. Und einem Hund, der vom Nachtwächter so unterdrückt wurde, dass er hart geworden ist.

08.04.05

Von einem, der auszog, ins Weiße zu treffen

Zu den seltsamsten Bewohnern, die im Studentenwohnheim ihr Leben verbrachten, konnte man mit Sicherheit C. zählen. In seinem Zimmer war ein dermaßen breites Spektrum an Waffen und Drogen zu finden, daß die Polizei, wäre sie jemals auf den Gedanken gekommen, dort nachzuschauen, wohl sofort das ganze Heim mit Panzern, Reitern und Bogenschützen umstellt hätte und den gesamten Saupfuhl ein für allemal bis auf die Fundamente niedergebrannt hätte. Durch die unmittelbare Nachbarschaft des besagten Wohnheims zur Landespolizeischule wäre ihr auch gar nichts anderes übrig geblieben.

C. erzählte uns immer, daß seine Waffen nur Schreckschußpotential besäßen. Sein herausforderndes Lachen und der wirre Blick seiner Augen sprachen jedoch vom Gegenteil. Wir gingen der Einfachheit halber davon aus, daß zumindest die Waffen, die er sich oft anläßlich der Saufgelage im Studentenclub in den Gürtel gesteckt hatte, seiner offiziellen Verlautbarung entsprachen. Wirklich nachgefragt hat jedoch, so weit ich mich erinnern kann, niemand.

Das mit den Drogen war eine andere Sache. C. hatte nie behauptet, nur Joints vorrätig zu haben. Das dumpfe Gebrülle, das zuweilen tagelang aus seinem Zimmer kam, wäre damit auch nicht zu erklären gewesen. Gerade was psychoaktive Substanzen angeht, ist die Toleranzschwelle in gewissen Studentenheimen ohnehin sehr hoch. Die Reaktionen der Bewohner reichen von lächelnder Ignoranz bis zur wohlwollenden, aktiven Anteilnahme, die sich oft zum Anlegen eigener Vorräte der gängigsten der westlichen Welt bekannten Drogen ausweitet. C. hatte hier Beispielfunktion.

Das Wohnheim lag in einem ruhigen Gebiet mit einer Bebauung von Doppel- und Reihenhäusern, in dem seine Bewohner so fremd wirkten wie eine Gruppe von Taranteln auf dem Hochzeitskuchen des englischen Thronfolgers. Gegenüber von C.´s Zimmer befand sich das Grundstück derjenigen Person, die ihren Lebensunterhalt mit der allmorgendlichen Verbringung von Zeitungen und Werbung in die Briefkästen der Umgebung bestritt. Zu allem Überfluß besaß dieselbe Person einen ausgewachsenen Schäferhund. Noch überflüssiger war, daß die Stimmbänder des Tieres aufgrund eines Zufalls galaktischen Ausmaßes von einer genetischen Mutation in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigert wurden. Der Überfluß fand seinen Höhepunkt in der Tatsache, daß das sich jede Nacht um halb drei Uhr wiederholende Schauspiel der Anlieferung der Zeitungen durch einen LKW dem Tier bislang in der Fachwelt für unmöglich gehaltene Kräfte zuströmen ließ, die es im Anschluß an die Lieferung halbstündlich in erschöpfender Inanspruchnahme besagter Stimmbänder zum Einsatz brachte. Der Lärm war schwer zu beschreiben, hatte aber zweifelsfrei epochale Züge.

In einer warmen Sommernacht jedoch muß die Kombination von unerträglicher Hitze, frei zugänglichen Drogen und einem respektablen Arsenal an Handfeuerwaffen C. dazu gebracht haben, dem wütend vor sich hin bellenden Tier eine Lektion zu erteilen, die sein Besitzer auf lange Zeit nicht vergessen sollte. Kurz nach der Anlieferung der für die Bewohner der friedlichen Siedlung so wichtigen Sonntagsmorgenlektüre versetzte sich der Hund in seine übliche unkontrollierte Wut gegen die nächtliche Störung. Als das Gebell jedoch die durch wochenlangen polytoxikonen Genuß von Substanzen stark gesunkene Toleranzschwelle von C.´s neuralem Apparat unterschritt, öffnete C. sein Fenster und schrie wütend in die Nacht hinein: "Du Scheißtöle, halt endlich deine bekackte Fresse!". Um die Wirkung seiner Worte zu unterstreichen und seine Interessen in vollem Umfang wahrzunehmen, verballerte C. mehrere Magazine seiner wichtigsten Lieblings-Pistolen in die schwüle Sommernacht des Berliner Vororts.

Ab der nächsten Nacht war von dem Hund nichts mehr zu hören. Ob der Besitzer sein Tier eingeschläfert hat, ihm die Stimmbänder zerschnitt oder einfach nur den Zwinger wechseln ließ, wurde niemals geklärt. C. schlief jedoch fortan ruhiger. Er würde sich später zur Rechtfertigung seiner Maßnahme auf Elias Canetti berufen, der einmal gesagt hatte, daß der Tod als Drohung die Münze der Macht sei. Wir mochten ihn weiterhin.

Keine drei Wochen später sollte Meisterschütze und Waffennarr C. jedoch auch einmal sein Ziel verfehlen. Es war ein Samstag nachmittag und die jeden Freitag im Studentenclub stattfindende Tanzveranstaltung hatte die Körper unserer Wohnheimgemeinschaft und ihrer Gäste bis in die frühen Morgenstunden einem ausgiebigen Leistungstest in der Aufnahme und Absonderung aller möglichen Substanzen unterzogen. C. war da keine Ausnahme. Nachdem die letzten Gäste gegen neun Uhr morgens verschwunden waren, herrschte in den Räumen des Klubs wenige Stunden Ruhe, bevor die zum Saubermachen eingeteilten Mitglieder des Klubs erschienen und ihre Arbeit aufnahmen. Die ersten Handlungsschritte der beteiligten Individuen bestanden üblicherweise im Anschalten der Soundanlage und der Versorgung der Anwesenden mit gekonnt gemixten Alkoholika. Erst nach einiger Zeit wurde damit begonnen, die Räume in einen annehmbaren Zustand zu versetzen, der dem vor etwa vierundzwanzig Stunden entsprach. Oft konnte diese Entsprechung nur bis zu einer gewissen Ähnlichkeit vorangetrieben werden, ein Umstand, mit dem wir jedoch umzugehen wußten. Auch ein Klub lebt.

Nachdem die gröbsten Arbeiten verrichtet waren - und gerade diese wurden meistens auf den geschlechtsspezifischen Abtritten erbracht - erschien an diesem Nachmittag in ungewohnter Hast C. und verlangte lautstark nach einem Schlüssel. Nach kurzer, aber intensiver Auseinandersetzung konnten die Anwesenden gemeinsam herausstellen, daß C. von dem Schlüssel zur mittlerweile gereinigten und verschlossenen Herrentoilette sprach. Man übergab ihm jenen und sah ihn hochkonzentriert davoneilen. Gedanken darüber, warum C. nicht die Toilette in seinem Zimmer benutzen mochte, hing zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand nach.

Zwei Stunden später jedoch wurde zu allgemeinen Verwunderung ein ausgewachsener Scheißhaufen bemerkt, der sich neben einem der Toilettenbecken äußerst deutlich von den ihn umgebenden Fliesen abhob. Daß das mit der Reinigung der Toiletten betraute Klubmitglied diese sohl olfaktorisch wie optisch kaum zu überbietende Meisterleistung übersehen haben könnte, erschien unglaubwürdig. Nach kurzer Rücksprache wandten sich die versammelten Mitglieder telefonisch an C., der sich zur Klärung weiterer Maßnahmen umgehend einfand. Nach kurzer Besichtigung des Tatorts sagte C.: "Oh. Da is´ er also.". Er lächelte uns an, schickte uns raus und begann mit der Beseitigung seiner so knapp am Ziel vorbeigeschossenen Exkremente. Er sollte sich später im Zusammenhang mit dieser Tat auch auf keinen Literaturnobelpreisträger berufen.

Und das, meine Freunde, war die Geschichte von dem Meisterschützen, der auch mal ein Ziel verfehlt. Sie wird sich - hinter vorgehaltener Hand - noch immer im Wohnheim erzählt.

01.04.05

Erotisches Verhalten

Glaubt dem Fachmann, wenn er sagt:

Erotisch Rülpsen will gelernt sein.

15.03.05

Playape

Auch Rhesusaffen stehen auf Titten und Ärsche. So jedenfalls lautet die Erkenntnis einer Untersuchung der Duke Universität in Durham, North Carolina, wie 3Sat meldet. Die männlichen Testaffen seien bereit gewesen, für den Blick auf die Hinterteile ihrer weiblichen Artgenossen Kirschsaft einzutauschen.

Bei dem Phänomen handele es sich allerdings nicht um "Affen- Pornografie", es gehe den Tieren vielmehr darum, die sexuelle Bereitschaft potenzieller Partner zu prüfen.

Sollte Hugh Hefner also auf Fruchtsaft stehen, braucht er bloß mit dem Playape das entsprechende Hochglanzmagazin herausgeben. Die Affenpopulationen der Zoologischen Gärten dieser Welt würden ihm dankend gerne Teile ihrer Nahrung übergeben.

12.03.05

Voller Überraschungen

... ist das Leben mit unserem Sohn, wie sich eben wieder beim Frühstück bestätigen ließ. Und zwar voller positiver Überraschungen, die wir Eltern für ihn vorbereiten - und voller negativer Überraschungen, die er für uns organisiert.

Das ist nicht so schlimm, wie es klingt. Und manchmal ist es natürlich anders herum, ich weiß.

10.03.05

Wenn dies, dann jenes

Vor einiger Zeit von Fernsehkameras befragt, was denn für die versuchsweise Ausweitung des Tempolimits auf österreichischen Autobahnen von 130 auf 160 km/h spreche, holte Österreichs Verkehrsminister Hubert Gorbach zu einer Vielzahl von Bedingungen aus:

Es ist nicht einzusehen, daß wenn es schönes Wetter und gute Sicht gibt, wenn der Verkehrsfluß es erlaubt und wenn die Straßen frei sind, der Bürger nicht auch 160 km/h fahren könne....
Genau. Und wenn der Yen dies und der Verein der Österreich-Musikanten jenes tut, dann wäre vielleicht auch ... wer weiß das schon. Bei all diesen scharfsinnigen Ergüssen möchte der Denkpass nicht zurück stehen und erinnert an folgendes:
Wenn meine Tante Eier hätte, wäre sie mein Onkel.
Aber das nur am Rande.

UPDATE: Wie unser Österreich-Experte Michael (der wohnt ja auch dort) im Kommentar feststellt, war der Beitrag nicht genau recherchiert (weil nur aufgrund der Erinnerung an einen Fernsehbeitrag von 3Sat zustande gekommen). Übrigens üblich für den Denkpass, so im Dunkeln herumzustochern. Habt ihr das nicht gewußt?

Das 3Sat-Interview gibt es nicht im Wortlaut, des österreichischen Verkehrsministers Forderung nach einer Erhöhung des Tempolimits ist jedoch Gegenstand eines Dringlichen Antrags im Nationalrat gewesen.

Ach, und Bundesstraßen war eines der Wörter, das 3Sat in diesem Zusammenhang verwendete. Wie uns die - zugegebenermaßen mit dem Präfix de. versehene - Wikipedia erklärt, scheint es den Begriff zumindest gegeben zu haben.

Danke, Michael, für die korrigierende Nachfrage. Nein, wirklich. Danke. He he ;-)

05.03.05

Regionale Vorzüge

Die Vorteile eines Flachspülers werden derzeit bei A Fistful of Euros heiss diskutiert. Robert Waldmann, einer der Autoren dieses ausgezeichneten Blogs, konnte in Österreich erste Erfahrungen im Umgang mit einem solchen Porzellanmöbel sammeln - und ist seitdem schwer begeistert:

I’m still thinking about Vienna. I didn’t especially like the anti aircraft towers, but I think the toilets were excellent.
Wer nicht weiss, was ein Flachspüler ist, sei auf die entsprechende Wikipediaseite verwiesen - oder aber - viel interessanter - auf die unmittelbareren Eindrücke der Kommentatoren des besagten Artikels bei A Fistful of Euros.

Warum das Ganze hier erwähnt wird? Nun, der Gedanke scheint noch niemandem gekommen zu sein - aber vielleicht sind es die Vorzüge europäischer Toiletten, die George W. Bush zu seinem längeren Europaaufenthalt im Februar getrieben haben...

05.02.05

Polizisten auf Rädern

Seit knapp 24 Monden schwören die Gesetzeshüter der Hauptstadt auf tieffliegende Objekte aus den Bayerischen Motorenwerken. Die Stadt hatte seinerzeit die Fahrzeugflotte ihrer Freunde und Helfer auf BMW umgestellt, und zur Freude der Beamten 177 PS unter die Haube packen lassen.

Seit dem, so antwortet Innensenator Ehrhart Körting auf eine Kleine Anfrage der CDU, war die Polizei in ihren neuen Dienstfahrzeugen in fast 500 Unfälle verwickelt. Für 75 Prozent dieser tragischen Zwischenfälle war sie sogar verantwortlich. Inklusive der Forderungen des Herstellers für dabei zu Schrott gefahrene Leasingfahrzeuge beläuft sich der Schaden für die Stadt auf immerhin mehr als 850.000 €.

Der CDU-Abgeordnete, der die Kleine Anfrage stellte, verbindet die Unfallhäufigkeit mit mangelnder Übung der Fahrer und verlangt nun ein besseres Training. Hier kommt der Denkpass im wahrsten Sinn des Wortes ins "Spiel" und empfiehlt den versierten Kraftfahrzeugpiloten der Polizei folgende realistische Fahrsimulation:

[via Tagesspiegel]

30.01.05

In Siemenszentrale wird geklaut

Viel Aufregung gibt es derzeit in der Siemenszentrale um eine verschwundene Rolex-Uhr. Während einer Fotosession kam dem neuen Vorstandschef Klaus Kleinfeld sein wertvolles chronographisches Instrument abhanden, so behauptet dieser.

Kleinfeld mit und ohne Rolex: Verschiedene Fotos oder nicht?

Die Ermittlungen der Polizei laufen derzeit auf Hochtouren, geht es doch um mehrere tausend Euro. "Wir beschäftigen uns mit dieser Sache voll und ganz.", ließ ein Kripobeamter telefonisch verlauten, "Aber erstmal liegt jetzt draußen Schnee und wir ermitteln gerade, wer für diese Sauerei verantwortlich ist." Immerhin, Zusammenhänge zwischen dem Rolex-Diebstahl und der allgemeinen Wetterlage könne man bereits zum frühen Stand der Ermittlung "eigentlich" ausschliessen.

Die Ermittlungen gehen dabei in alle Richtungen - auch Versicherungsbetrug von Seiten des Siemensvorstandes komme da in Betracht, wie die Polizei bekannte. Um das Rekord-Quartals-Ergebnis seines Vorgängers zu übertrumpfen, könnte Kleinfeld den Verlust der Uhr fingiert haben. Dazu passende Behauptungen des Fotografen, die Uhr sei nur "digital" retuschiert worden, weil Kleinfeld keine Zeit für mehrere Shootingsessions habe, konnten jedoch von einem Sprecher des Konzerns sofort widerlegt werden - nach dessen Aussage gab es zwei Fotoserien, und seit der zweiten Serie fehlt das teure Teil. Und sowieso seien dem Fotografen "handwerkliche Fehler" unterlaufen.

Ins Visier der Fahnder rückte auch der Gast des Siemens-Forum, dessen Handy Kleinfeld in ein Glas Wasser geschmissen hatte. Der Gast hatte zuvor gefragt, wie der neue Siemensvorstand die Handys von Konkurrent Nokia fände. Kleinfeld wurde daraufhin von seinem Vorgänger unterstellt, "nicht mehr ganz nüchtern" gewesen - sprich: ein Suffke - zu sein, was sich wohl darauf bezogen haben mag, daß Kleinfeld dem Gast zur Entschädigung zwei Siemens-Handys überreichte. "Eins hätte doch wohl genügt.", so Heinrich von Pierer. Wenn sich von Pierer da mal nicht getäuscht hat - dem Gast stiess die Sache jedenfalls übel auf: "Zwei Billighandys von Siemens, was soll ich damit?"

Eine weitere Möglichkeit sei die "Vortäuschung einer Straftat", um verdeckte Werbung für neue Geschäftsfelder zu machen, so ein Ermittler der Polizei. Denn die vorliegenden Fotos sehen doch eher so aus, als ob Siemens demnächst ganz groß in den Markt der Telefonabzocke im Fernsehen einsteigen wolle. "Wir dürfen auch diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen.", gähnte der Ermittler.

Unabhängig davon scheint man bei der Belegschaft von Siemens die Sache gar nicht spaßig zu finden. Ob denn das weitere Streichen von Stellen in Deutschland nicht doch mit dem Frust des Siemens-Chefs über den Verlust seines teuren Spielzeugs zusammenhängt, will man in den unteren Ebenen nicht ausschließen. "Wir hoffen nur, daß das jetzt nicht wöchentlich so weitergeht, bis sich diese Uhr anfindet.", so ein nicht näher benanntes Mitglied des Betriebsrats.

07.01.05

Beamte sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren

Kaum einer hat sich Gedanken über die wahre Bedeutung des Umstandes gemacht, daß den Fahndern des Bundesamtes für Güterverkehr am Neujahrsmorgen um die tausend Mautsünder in die Hände liefen. Aber bemerkenswert an dieser Meldung ist nicht die Höhe der Zahl, sondern einzig und allein die Tatsache, daß es gelungen war, an einem Feiertag genügend Beamte aus den Betten zu treiben.

29.12.04

Anruf bei OBI

Klingelingeling. Klingelingeling. Klingelingeling.

"Guten Tag, Sie sprechen mit Jana Klawottke, OBI Markt Prenzlauer Berg. Wie kann ich Ihnen helfen?"

"Hallo. Ick brauch ´ne Fußbodenheizung für meen Wohnzimmer. Mir frieren hier die Füße ab."

"Da verbinde ich Sie mal kurz mit der Abteilung Bauen&Renovieren."

[Musik ertönt...]

Nach einiger Zeit:

"Ich kann da gerade niemanden erreichen."

"Is ooch ejal. Ick will det Ding unter meen Teppich packen, verstehste? Unjefähr fünf mal fünf Meter. Is´n großer Teppich."

"Warten Sie bitte einen Moment. Ich versuchs nochmal."

[Musik ertönt...]

Nach einiger Zeit:

"Hören Sie? Ich kann immer noch niemand erreichen. Könnten Sie zu einem späteren Zeitpunkt anrufen? Ich kann Ihnen auch die Durchwahl geben."

"Wat? Ne, lass mal. Det Jeschäft machen wir jetzt klar."

"Aber die Fachabteilung kann Ihnen da besser helfen."

"Pass mal uff jetze. Ick brauch det Scheißding heute noch. In zehn Minuten muss et hier sein. Ihr liefert doch ooch nach Hause, oder?"

"Ja, sicher. Aber ..."

"Wat heisst´n hier aber? Ick will ´ne bekackte Fußbodenheizung. In zehn Minuten. Haste det verstanden, oder wat?"

"Ich schlage vor, Sie kommen her und lassen sich vor Ort beraten..."

"Wat is denn so schwer da dran zu versteh´n? Det is doch ´n freiet Land, oder? Ick will ´ne bekackte Fußbodenheizung, fünf mal fünf Meter, in zehn Minuten. In zehn", BUMMM!, "bekackten", BUMMM!, "Minuten!", BUMMM!

(Es waren Geräusche zu vernehmen, als ob jemand den Telefonhörer mit voller Wucht an einen Holzschrank schlug.)

"Kriecht Ihr det hin, Ihr Pigfucker? Sonst dreh ick richti´ durch."

Aufgelegt.

...

Zwölf Minuten später.

Klingelingeling. Klingelingeling. Klingelingeling.

"Guten Tag, Sie sprechen mit Jana Klawottke, OBI Markt Prenzlauer Berg. Wie kann ich Ihnen helfen?"

"Yo. Ick bins nochmal. Sitz ick hier so rum und wunder mir, warum hier keener klingelt und mir ´ne Fußbodenheizung bringt. Dabei hab´ ick doch verjessen, euch meene Adresse zu jeben. Haste wat zu schreiben, Mädel?"

27.12.04

Glamour und der Weihnachtsmann

Folgende Erklärung gibt die Zeitschrift Glamour auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Weihnachtsmann und Nikolaus (Heft 01/05, S. 80):

Hinter den beiden Namen steckt ein und derselbe: Bischof Nikolaus von Myra. Der lebte im 4. Jahrhundert und war bekannt für seine Großzügigkeit. Ihm zu Ehren gab es von seinem Todestag an, dem 6.12.343, Geschenke für die Kinder. Im Zuge der Reformation (1535) schob Luther die Bescherung vom Nikolaustag auf den 24.12. und säkularisierte das strenge Bild vom Bischof mit Mitra und Stab zu unserem netten weltlichen Weihnachtsmann.
Gehen wir mal der Reihe nach den Blödsinn durch, den sich die "Sex and the City"-Generation mit ihren Magazinchen da so antut:

Zur Zeitangabe der Reformation (auf dieser Webseite oder besser: aus diesem Buch von Heinz Schilling):

• Die Reformation begann am 31. Oktober 1517, als Martin Luther seine Thesen per Brief an einige katholische Würdenträger verschickte (der Sachverhalt wurde im Denkpass seinerzeit dargestellt).

• Eine Klärung des Konflikts war von Karl V., der sich später als letzter deutscher Kaiser vom Papst krönen ließ, für den Reichstag zu Worms vom 17./18. April 1521 vorgesehen worden. Luther verwies auf sein Gewissen und verweigerte einen Widerruf seiner Lehre. Daraufhin belegte der Kaiser den sächsischen Mönch und seine Anhänger mit der Reichsacht. Allein seine Macht reichte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus, diese im Wormser Edikt festgehaltene Reichsacht durchzusetzen und überall im Reiche aufrecht zu erhalten.

• Bereits fünf Jahre später, auf dem Reichstag zu Speyer 1526, wurde das Wormser Edikt de fakto außer Kraft gesetzt - jedem Reichsstand war der Glauben in eigener Verantwortung übertragen worden, bis ein Konzil die endgültige Klärung brachte.

• 1529, auf dem zweiten Reichstag zu Speyer, setzte des Kaisers Bruder das Edikt wieder in Kraft. Fünf Fürstentümer und vierzehn Reichsstädte jedoch, die zu diesem Zeitpunkt bereits im Aufbau einer evangelischen Landeskirche begriffen waren, nutzten ein altes Reichsinstrument der Stände, die "protestatio", dagegen zu protestieren. Luthers Bewegung sollte fortan Protestantismus heißen.

• Weil die Türken zum wiederholten Male bis kurz vor Wien marschiert waren, konnte der Kaiser seine gebündelten militärischen Kräfte nicht gegen die evangelische Minderheit im Reiche zur Geltung bringen. 1532 sah er sich veranlasst, im Nürnberger Anstand einen zeitlich befristeten Religionsfrieden festzulegen.

• Erst sehr viel später, am 25. September 1555, kam es zum Augsburger Religionsfrieden, der das Nebeneinander der Konfessionen garantierte.

Einen Grund, warum die Reformation exakt 1535 stattgefunden haben sollte, kann man im geschichtlichen Abriß nicht erkennen.

Zu Bischof Nikolaus von Myra als Vorbild für den Nikolaus:

• Wie uns diese Seite mitteilt, lässt sich der Todestag des Bischofs Nikolaus von Myra nicht belegen. Ja, selbst sein Leben im vierten Jahrhundert lässt sich nicht exakt verifizieren.

• Weiter noch, weiss man aufgrund kritischer Analyse vorhandener Textpassagen, daß es einen wirklichen Nikolaus nicht gegeben hat. Nikolaus ist eine Kompilation aus zwei historischen Personen: dem Bischof Nikolaus von Myra im kleinasiatischen Lykien, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert gelebt hat, und einem gleichnamigen Abt von Sion, der Bischof von Pinora war, und am 10. Dezember 564 in Lykien starb.

Fakten und Legenden zum Nikolaus werden von Glamour in einer Klarheit angegeben, die die Aktenlage nicht hergibt.

Zum Verschieben der Bescherung auf den 24.12.:

• Zwar hatte Luther wohl versucht, Christus im Mittelpunkt der Frömmigkeit auch dadurch zu unterstreichen, indem er einen Heiligen Christ einführte, der am Heiligabend die Kinder beschenkte. Weil der Begriff aber nicht angenommen wurde, änderte sich der Name bald auf Christkind.

• In Matthäus 2 liest man:

Der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen. Als sie ihn dort sahen, kam eine große Freude über sie. Sie gingen in das Haus, fanden das Kind mit seiner Mutter Maria, warfen sich vor ihm nieder und huldigten ihm. Dann breiteten sie die Schätze aus, die sie ihm als Geschenk mitgebracht hatten: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
(Zur Verwendung dieser Gaben verweise ich auf Jim Henley, der sich darüber - und über einige andere Sachen - so seine Gedanken gemacht hat.) Jedenfalls dürfte ein Ursprung der Bescherung zum Heiligabend ganz klar im Matthäusevangelium zu suchen sein (auch, wenn beispielsweise erst Luther diesen Gedanken aufgegriffen haben mag).

Zum strengen Bild von Bischof mit Mitra und Stab:

• Zur Zeit der Gegenreformation war man in katholischen Kreisen offensichtlich bestrebt, auch zum Weihnachtsfest einen Kontrapunkt setzen zu müssen. Der Brauch, am 6. Dezember durch den Nikolaus Geschenke zu erhalten, kam erst um diese Zeit auf. Begleiter des Nikolaus war sein Knecht Rupprecht, der im beigeführten Sack die Geschenke trug und mit seiner Rute Kinder auch bestrafen konnte.

Die Bilder haben sich heute vermischt. Nicht nur, daß Bischof Nikolaus von Myra laut der Legende nach (und der Aussage von Glamour zufolge) ein großzügiger, den Kindern zugewandter Bischof gewesen sein soll, wozu Strenge nun wenig passt, scheint die disziplinarische Faszette des Weihnachtsmanns vom Knecht Rupprecht zu stammen.

Die Vermischung setzt sich übrigens bei der Kleidung fort. Vom Bischof stammt der rote Mantel, vom Knecht Rupprecht Kapuze und Pelzbesatz, so diese Seite.

Fazit:

Nach all den verdrehten Fakten in nur dreizehn Viertelzeilen lässt sich eins feststellen: Wer Glamour kauft, zählt zur intellektuell etwas defizitären Schicht unserer Bevölkerung. Und nachdem man es gelesen hat, wird sich das Defizit wohl erhöht haben.

Ach. Noch was. Der Weihnachtsmann ist nicht nett.

14.12.04

Überflüssige Neuigkeiten in der Berliner Jazz-Szene

Ich gebe es zu: Szenen in einem Lebensmitteldiscounter wecken bei mir Assoziationen mit dem, was ich mir unter einer aktionsreichen Fütterung eines mittelgroßen Sauenzuchtbetriebs am Schweinetrog vorstellen würde:

trog.jpg

Unterbesetztes Verkaufspersonal schippt die Ware vom Gabelstapler in die Regale. Dort purzeln die Versandkartons durcheinander, gegen 7:30 Uhr werden die Tore geöffnet, und die vor Geiz ganz geile Kundschaft kommt hereingetrampelt, walzt sich durch die Schneisen zwischen den Lebensmittelanhäufungen und packt sich ungeniert die überdimensionierten Einkaufswagen voll. Damit sich auch jeder wie ein schlauer Fuchs vorkommt, geht die Mär vom überproduzierten Markenprodukt um, das hier zu finden sei.

Genau! Hersteller von Markenprodukten sind nämlich durch die Reihe weg etwas unterbelichtet. Die produzieren so vor sich hin, bestellen auch mal das Doppelte an benötigten Rohstoffen und wissen am Ende gar nicht, wohin mit all dem teuren Mist. Mitarbeiter beschäftigen sie gerne einige zuviel, Energie- und Rohstoffkosten behält man nie im Auge - wozu auch? -, und ihren eigenen Absatzmarkt wollen die gar nicht kennen. So läuft das. So klingt das ausgesprochen plausibel. Aber soll jeder ruhig dem Märchen lauschen, das er gerne hören will.

Ich jedenfalls halte das Einkaufen bei Lebensmitteldiscountern für menschenunwürdig und dem Genuss von Lebensmitteln abträglich. Sieht übrigens auch die Gewerkschaft so. Aber des Deutschen Herz steckt in seiner Brieftasche - und das bei einem gesamtwirtschaftlichen Vermögen von 2,8 Billionen €.

Daß jetzt aber Jazz Radio Berlin es heute morgen für würdig befand, die Absicht des ALDI-Konzerns, für seine Kunden die Zahlung per EC-Karte zu ermöglichen, in den Nachrichten zu bringen, ist des Guten zuviel - und grenzt an versteckte Werbung. Denn zum einen dürfte ALDI eine der letzten Einkaufsmöglichkeiten dieses Landes sein, in denen man nicht bargeldlos einkaufen kann. Und zum andern sollte die Klientel von Jazz Radio eigentlich genug Geld in den Taschen haben, um ihrem Lebensstil angepasst einkaufen zu können.

Denn Jazz und Lebensmitteldiscount, das passt einfach nicht zusammen.

10.12.04

R. kommt vorbei

Aus der Küche des Schnellrestaurants drangen harmonische Geräusche, die die Jazzliebhaber unter den Gästen wohl als asiatisch-experimentelle Improvisation bezeichnen würden. Dazwischen war das Zischen des Gemüses zu hören, das im Wok auf dem Feuer stand sowie die vereinzelten Ausrufe der Köche, die mit abgehacktem Gelächter quittiert wurden.

Im vorderen Teil des Ladens machte sich heißer Dampf breit, der scharfe Gerüche durch die engen, mit ungeduldig essenden Gästen besetzten Sitzreihen aus harten Bänken und schmalen Tischen trug. Irgendwo dazwischen saß G. und war damit beschäftigt, mit seinen Stäbchen den Reishaufen auf dem vor ihm stehenden Teller zu zerlegen. Er war auf der Suche nach Erdnüssen und Schweinefleisch, und die Konzentration trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Neben ihm, rittlings auf der Bank und mit dem Rücken an die Wand gelehnt, saß O. - von allen nur Porno-O. gerufen - und hielt ein Glas Cola-Rum in der Hand.

"Und? Kommt er?", fragte G. Die Rede war von R., der abends zu ihnen stoßen wollte.

"Yup."

"Wann kommt er denn?"

"Um neun."

G. fand ein weiteres Stück gebratenes Schwein und nahm es mit freudigem Gesichtsausdruck mit den Eßstäbchen auf. Bevor O. sein Glas wegziehen konnte, tauchte er das Fleisch kurz in den Rum und hielt es O. vors Gesicht.

"Da."

Achselzuckend nahm O. den angebotenen Bissen in den Mund, kaute das Fleisch durch und spülte es mit einem Schluck aus seinem Glas herunter.

"Dann werd ick mal langsam die Bullen rufen!", sagte G.

"Die Bullen?"

"Yo. Ick werd ihn´n sachen, det mir bestimmte Informationen zujespielt wurden."

"Det da ´n paar Dinger am Kochen sind, sachste?"

"Jenau. Und det die Probleme zu groß sin´, um se weiterhin ignorieren zu könn´n."

"Und denn?"

"Denn werd ick se druff hinweisen, det die Jeschicke unserer wunderschönen Jemeinde vom schnellen Handeln der Verantwortlichen abhängen könnten."

"Det wird se wach machen, schätz ick."

"Da kannste mal von ausjehen, Keule."

Als Antwort rülpste O. ungeniert. Ihr Tischnachbar gegenüber schaute fragend von seiner Zeitung auf und stand dann langsam auf. Er nahm seinen Teller und setzte sich auf einen leeren Platz zwei Sitzreihen weiter.

"Wird Zeit, det der Spaßvochel verschwindet.", merkte O. an und steckte sich eine Zigarette an.

"Und wat willste den Bullen konkret sachen?"

"Na, det R. zu Dir kommt. Und det die Beschreibung von dem Messerstecher uff ihn passt."

Am Morgen zuvor hatte ein etwa dreißigjähriger Ausländer, mittelgroß und von kräftiger Gestalt, seine Exfreundin in einem Schnellrestaurant um die Ecke erstochen und war seitdem flüchtig. R. dagegen war sehr schlank, hochgewachsen und blond und hatte zur Tatzeit auf seinem vollgekotzten Sofa einen Rausch ausgeschlafen.

"Und det er wat zu kiffen mitbringt, werd´ ick ihn´n ooch sachen.", fügte G. grinsend an.

"Det wird den Pennern Beene machen."

"Jenau, Alder. Die wer´n in Chorstärke anrücken und ´n bekackten Wasserwerfer mitbringen."

"Det is det mindeste! Die wer´n den Amis die Restbestände an Napalm abkoofen und die jesamte Jejend niederfackeln."

"Richti´ so. Mit Kiffern is nich´ zu spaßen."

"Det sach ick dir. Da könnten sich sonst einje Junkies der näheren Umjebung zusammenrotten und spontanen Widerstand orjanisieren."

"Und ´n hundertjährijen Straßenkampf in´ner Mendelssohnstraße kann keener wollen."

"Nich´ in´ner derzeitjen Situation. Zivile Opfer wollen die um jeden Preis vermeiden."

"Jenau. Und deswejen Napalm. Ein für allemal ausrotten die janze Bande." Damit schob G. den Teller von sich und schmiß die Eßstäbchen auf den Tisch.

"Wesste wat? Det Ding könnte aktuell mal nach vorne losjehn. Die wer´n sich richti´ freuen, die Bullen.", sagte O. und stand ebenso auf.

"Jenau. Aber wir wissen, wat looft."

"Geil. Wir sind jewappnet."

"Mein Reden!", sagte G., bevor sie die Tür öffneten und verschwanden.

03.12.04

Uffs Maul jeschaut

Einer von ihnen hatte die Tür weit aufgetreten. Anschliessend waren sie ins Freie getreten, gerade als ein Polizeifahrzeug vorbeifuhr.

"Na, jeht mal schön nach Drogen fahnden, ihr Wichser.", rief der größere der beiden dem grün-weißen Auto hinterher. Der andere kicherte heiser.

Dem Lichtschein auf dem Pflaster folgend, bewegten sie sich durch die schlafende Altstadt.

"Und? Wat machste nächste Woche?"

"Schön ficken."

Der andere schaute fragend.

"In Thailand. Ick fahr nach Thailand."

"Ahh."

Die Gasse öffnete sich auf einen Platz, der von einem Zaun umgeben war. Hinter dem Zaun standen sauber aufgereiht Hunderte von Weihnachtsbäumen. Hinter ihnen lag, erschöpft vom Treiben des Tages, der Weihnachtsmarkt der Kreisstadt. Die Planen vor den verschlossenen Buden dämpften das Geräusch ihrer Schritte.

"Find ick nich jut."

"Wat?"

"Rumficken mit irgend ner Ollen."

"Warum nich? Ficken is doch geil."

"Ach. Ick krieg schon Probleme, wenn ick in´n Hotel penne und drüber nachdenke, wer da schon ins Laken gefurzt hat."

"Echt?"

"Ja. Wenn ick mir det vorstelle: Irgend eener hat seine behaarten, verpickelten Arschbacken über die cremefarbene Klobrille jerieben."

"Stimmt. Is nich jut."

"Oder det der Urin von irgend nem andren über die marmornen Fliesen im Bad jeflossen is, auf die ick ooch jepinkelt hab."

"Hmmm. So darfste det nich sehn."

"Mach ick aber."

"Is aber nich jut."

"Apropos pinkeln.", sagte einer der beiden. Er blieb an einem der Weihnachtsbäume stehen, öffnete umständlich seine Hose und urinierte in die mit Erde gefüllte Schale. Dampf stieg auf.

"Und irgend ne Olle ficken, die ne halbe Stunde vorher nem Anderen den Schwanz jelutscht hat..."

"Hmmm. Haste recht."

"Sach ick doch."

"Na und. Hauptsache ficken."

"Stimmt ooch wieder."

19.11.04

Fantastische Aussichten

Ein Sturm war angekündigt, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h, so hatte der Sprecher gewarnt.

Fantastisch, dachte ich. Wenn ich hier in Stralsund rülpsen würde, könnte man keine zwei Stunden später in Berlin in Erfahrung bringen, was ich gegessen hatte. Ich beschloß, die sich damit eröffnenden Möglichkeiten im Auge zu behalten.

18.11.04

Gottes Pfade sind unergründlich

Da sitzt Diana Duyser also vor etwa 10 Jahren an ihrem Frühstückstisch und schiebt sich einen Käsetoast nach dem anderen zwischen die Backen. Auf einmal, so erzählt sie heute, wird sie zwischen zwei Bissen des religiösen Wunders gewahr, das sich vor ihren Augen abspielt. Hat doch der Herrgott in seiner unendlichen Weisheit und Gnade beschlossen, auf dem Käse ihres Toastes das Antlitz der heiligen Jungfrau Maria erscheinen zu lassen.

Diana Duyser wirft sich ob dieses unbeschreiblichen Glückfalls schluchzend auf den Küchenfußboden, wirft die Arme in die Luft und fängt an, stundenlang mit vollen Backen zu beten und den Herrn zu preisen. Erst nach einer ganzen Weile beginnt sie sich zu fragen, "Wohin, verdammt noch mal, mit dem Wundertoast?"

Doch eine Lösung findet sich sofort. Diana Duyser feuert das angeknabberte Heiligtum ins Tiefkühlfach und schlägt erleichtert den Kühlschrank zu. Da liegt das Zeichen des Herrn für die nächsten zehn Jahre und wartet der Dinge, die da kommen mögen. Auf die Erde geschickt, um den Menschen den Weg aus dem ewigen Dunkel zu weisen, muß der Käsetoast tatenlos zusehen, wie George W. Bush an die Macht kommt, der Irakkrieg beginnt und Daniel Küblböck in aller Öffentlichkeit zu singen beginnt.

Dann - eines wunderschönen Tages - war es soweit. Diana Duyser denkt: "Scheiße, Mann! Die Jungfrau Maria muß mittlerweile aber einen tüchtigen Schnupfen haben!"

Sie öffnet ihr Tiefkühlfach - und siehe! - der Käse mit dem heiligen Antlitz drauf ist von Schimmel befreit! "Das ist ein gottverdammtes Scheißwunder!" brüllt sie freudig und knabbert erregt ein weiteres Stück davon ab.

Begeistert von der endlosen Reihe tollster Wundertaten des Herrn, fragt sich Diana Duyser nun rastlos, wie sie diese tiefe Erfahrung mit dem Rest der Menschheit teilen kann. Das sie daß muß, ist ihr mittlerweile klar geworden. Und siehe! - ein Wunder folgt dem anderen. Mittlerweile gibt es doch ebay, wo gerissene Leute ahnungslosen Idioten eine Tasse voll Scheiße als Nutella-Weihnachtsedition verkaufen können. "Das wäre doch gelacht, wenn sich da nicht irgendein Trottel finden ließe, der scharf auf diesen bekackten Toast ist.", denkt sie sich.

Und so steht eines der vielen Wunder des Herrn in Form eines Käsetoast demnächst bei ebay zum Verkaufe. Damit ist allen geholfen, den Gläubigen, ebay und vor allem aber Diana Duyser.

Eine Frage aber bleibt: Wer fällt auf solchen Blödsinn rein und kauft einen angeknabberten, zehn Jahre alten, tiefgefrorenen Toast?

29.10.04

Habana Viejo oder Ernests goldenes Dreieck

Jeden Abend um neun Uhr ist die Altstadt von Havanna für einen Moment ein Ort bedächtiger Ruhe, bevor ein lang anhaltender Trommelwirbel die Bühne bereitet für ein Schauspiel, das selbst auf einem Kontinent wie Lateinamerika als einzigartig gelten dürfte. Von den Mauern der Festung Havanna löst sich dann unter mächtigem Getöse ein Geschoß aus einer mittelalterlichen Kanone, fliegt im Licht des Mondes über die sanft im Wasser schaukelnden Fischerboote und landet am Ende seiner parabelförmigen Flugbahn im warmen Wasser des karibischen Meeres.

Auf der anderen Seite der Bahia gelegen, bietet die oberste Terrasse des Hotel Ambos Mundos die wohl beste Aussicht auf diese Darbietung der Alten Garde. Dieser Ansicht war auch Ernest Hemingway, der dort, im Zimmer 501, einige Jahre seines Lebens verbracht hat. Den Abend eröffnete er, so erzählt man sich, im kleinen Kreise im Restaurant des Ambos Mundos, den zwei Welten, mit etwas Cuba Libre und einer kräftigen Zigarre und machte sich anschließend auf seinen Rundgang. Er ging über die Plaza Veijo, vorbei an El Gordo und El Flako, den verschiedenen Kirchtürmen der selben Kirche, die ihre unterschiedliche Größe dem mangelnden Platzangebot in Havannas Altstadt verdanken, bog dann scharf nach links und ließ sich für einige Zeit in einer mit urzeitlichen Möbeln bestückten, winzigen Bogedita nieder.

Dort ließ er sich Mojitos servieren, genoß die laue Brise des dreißig Grad warmen Nachtwindes und vertiefte sich in die unzähligen Unterschriften auf den Wänden des kleinen Lokals, die die Besucher dort hinterlassen hatten. Unter anderem findet sich dort ein Bild von Salvador Allende mit dem vielsagenden Wunsch nach einem freien Kuba, das aus dem Jahre 1973 stammt - eine der letzten Auslandsreisen des chilenischen Sozialisten.

Gegen Ende des Abends, selten vor Mitternacht, wandte sich Ernest Hemingway dem Floridita an der Celle Orispo zu, wo er den Abend mit Daiquiri beschloss. Von dort hatte er es auch nicht mehr weit zurück ins Ambos Mundos, Ausgangspunkt und Ziel seines eigenen goldenen Dreiecks.

Und damit endete die Erzählung meines mit reichlich Kuba-Erfahrungen ausgestatteten Tischnachbarn. Faszinierend, nicht? Ich würde sie gerne mal sehen, die Altstadt von Havanna.

17.10.04

Schwarze Weite

Vom Popcorn hatte er gerade die Hälfte verzehrt, als sein Handy zu klingeln anfing. Um die Suche interessant zu gestalten, änderten sich in diesem Moment die Lichtverhältnisse. Im Dämmerlicht des Kinosaals suchte er in seinen mit Popcorn bedeckten Sachen nach seinem Telefon und stieß dabei die Flaschen um, die er zuvor ausgetrunken und neben seinen Füßen aufgestellt hatte. Eine von ihnen kullerte den ganzen Weg von der letzten bis zur ersten Reihe hinunter und kam dort mit einem lauten Klirren zum Stillstand. Endlich fand er sein Gerät.

"Ja?"

"Ne. Ick bin grad im Kino."

"Wat?"

"Ne. In Stralsund."

"Ne."

Er lachte laut auf.

"Wesste, wat schön is?"

"Wenn man´n Fuß in kalte Scheiße steckt."

"In kalte Scheiße."

"Wat?"

"´n Fuß."

"Meinetwegen ooch in Kühlschrank."

Er lachte wieder.

"Jenau. Hilft jegen Schweißfuß."

"Echt? Wann?"

"Um sieben? Ick dreh glei´ richti´ durch."

"Ja. Ick komme."

"Ja."

"Halt´s Maul."

Er legte auf und steckte das Gerät in seine Hosentasche, griff nach seiner Jacke und stand auf. Als er das Kino kurze Zeit später verlassen hatte, bemerkte er den sternenklaren Himmel über der menschenleeren Stralsunder Altstadt. Sein Wagen sprang brüllend an, schoß aus der Parklücke wie ein bockiger Esel und schlidderte um die Ecke. Der Asphalt unter seinen Reifen glänzte im kalten Licht des Vollmondes, ein Band glitzernder Schwärze, das sich vor ihm ausstreckte wie Adern über ein Krebsgeschwür.

11.10.04

Zugreise mit Kind

Eine Auswahl von Aufgaben, die das mit dem Zug reisende Ehepaar mit Kind erwartet:

• Müll, den die Vorgänger im Abteil hinterlassen haben, aufs Gründlichste einsammeln
• häufig und mit allerkürzester Vorwarnzeit pullern gehen müssen
• wachsam den Zugriff zum Mülleimer des Abteils im Auge behalten
• auf jeden vorbeiziehenden Schornstein hinweisen
• vorbeifahrende Güterzüge frühzeitig und lautstark ankünden
• Kräne schnellstmöglich wahrnehmen und dem schläfrigen Kinderauge weisen
• ebenso mit Brücken, Flüssen und Bergen verfahren
• der Wut keinen freien Lauf lassen, wenn eine Durchsage genau in dem Moment kommt, in dem das Kind erschöpft die Augen schliesst
• Zeitungen, Bücher und anderes, eigenes Lesematerial so vollständig wegstauen, daß man nicht daran erinnert wird, was man in der Zwischenzeit so tun könnte

10.10.04

Müllprofi

Mit einem ohrenzertäubendem Knall zersprang das Glas. Durch die Wolke von Glassplittern sprang ein junger Mann, schwer wie ein ausgewachsener Kaffernbüffel und auch genauso beweglich. Sein Schrei zerriss die Ruhe der Nebenstraße. Ein Mann zog seinen Dackel angstvoll einige Schritte näher an sich ran, bevor er sich, aufgeschreckt durch die Ereignisse, nach der Quelle des Lärms umwandte. Der junge Mann stand mit weit gespreizten Beinen vor der zersplitterten Eingangstür des Plattenbaus, brüllte weiterhin und hielt an seinem hoch ausgestreckten Arm eine Tüte voller Biomüll. Mit seinem anderen Arm schlug er in die Luft, dazu wackelte er mit dem Kopf.

Mit mehreren beherzten Armdrehungen liess er schliesslich die Mülltüte rotieren, die dabei viel von ihrem stinkenden Inhalt verlor. Nach fast einer halben Minute, die fliegenen Teile des Inhalts liessen auf ein unvermutet großes Abfallbehältnis schliessen, trat er gegen den Biocontainer. Der Deckel sprang hoch, kurz bevor die Mülltüte im Container aufschlug. Der junge Mann brüllte noch einmal kurz auf und verharrte dann still in einer vorgebeugten Position. Sein ausgestreckter Arm hielt die Henkel der Mülltüte, die er erst losließ, als der Deckel mit einem leisen Klappern zufiel.

In der plötzlichen Stille sagte der junge Mann: "Hinein."

Er drehte sich um und schaute über den Hundeführer hinweg die Straße hinunter. Quer über seinen Kopf und die Brust lief ein Streifen der übel riechenden Suppe aus seiner Mülltüte, die ihn aber nicht zu beeindrucken schien. Daß seine Probleme jetzt öfter bereits vor 18:00 Uhr zutage traten, kümmerte ihn etwas mehr. Aber was soll´s, dachte er und furzte.

"Jawohl!", schrie er auf, "Ich bin ein Profi."

Das Wochenende hatte gerade erst angefangen.

02.10.04

Weise gesprochen

Wer anderen eine Bratwurst brät,
braucht ein Bratwurst-Brat-Gerät.

01.10.04

Risk everything

Be warned: During the upcoming weekend there will be certain celebrations in Berlin. And for all the different reasons.

Since we also have a full moon in the sky, I think this one with all its drug related craziness is going to be tough on everyones cerebral functions. But let us all follow an old saying here:

Risk everything, or gain nothing.
After all those trips to northern germany during the last few months, I think I´m ready for just that. But how about you?

27.09.04

Strammer Marsch

Die Kellnerin im Hotelrestaurant hatte gesagt, die Entfernung bis zur Bremer City sei mit strammem Laufen in nicht mehr als 15 Minuten zu überbrücken. Die reizende junge Frau an der Rezeption hatte sich auf mindestens 30 Minuten festgelegt - allerdings auch mit dem Hinweis auf einen strammen Marsch.

Letztendlich hatten wir 65 Minuten gebraucht. Ob das vielleicht daran lag, daß wir bereits vor dem Laufen stramm waren?

19.09.04

Scherereien mit höflichen Leuten

Sollte man sich fragen, welche Möglichkeiten einem bleiben, um sich gegen den höflichen Hinweis zu wehren, man trage ein Reiskorn auf dem Rücken, so bleibt einem neben dem kurzen, aber in seiner Effizienz unübertroffenen Einsatz von Gewalt auch diese rhetorische Spitze:

"Entschuldige bitte, daß ich es unerwähnt ließ: Manchmal bevorzuge ich es, so zu essen, wie einige wenige Bergvölker Südostasiens es manchmal tun. Der Grundgedanke beruht dabei auf dem Versuch, Wirkstoffe der Nahrung über direkt unter der Haut liegende Bestandteile des zentralen Nervensystems wie beispielsweise das Rückenmark aufzunehmen.

Rücksichtslosere Arten des Drogenmißbrauchs finden sich weltweit nur in den Ebenen und hügeligen Wäldern des Mitteleuropäischen Gebiets, das man allgemein mit dem Namen Deutschland verbindet. Dort rotten sich in aller Herrgottsfrühe Scharen sogenannter Hartz-IV-Antragsteller zusammen, entledigen Punkt acht Uhr die lokalen Kaufhäuser, Super- und Getränkemärkte jeglicher alkoholhaltigen Substanzen und sichern so im Handumdrehen ihrer glorreichen Nation einen der vorderen Ränge im Bier-, Wein- und Schnaps-Verbrauch weltweit. Ob pro Kopf oder absolut gemessen, spielt dabei nicht mal eine Rolle."

Dabei wahrt man zum einen die Etikette und deutet zum anderen durch die Vermengung unterschiedlichster Informationen einen schwerwiegenden, abschreckenden Hintergrund an, in den sich der Hinweisgeber nicht selten in keinster Weise vertiefen will.

18.09.04

Hobbyregisseure

"Wat woll´n wa´n no´ machen?"

Sie standen auf dem Balkon und genossen die warme Abendluft. Ein Joint, so groß wie eine Currywurst, drehte seine Runden und verbreitete seinen süßlichen Duft.

"Wir jehn in´t Kino."

"Und wat willste kieken?"

"Herr der Ringe Teil 4."

"Jenau. Den wollt ick morjen kieken. Aber heut is ooch OK."

"Die ham nämlich´n mächtijen Fehler jemacht in Teil 3. Un´ olle Sauron is nu wieder da und spielt Scheibe."

"Die bekackten Hobbits ham nich nur een Fehler jemacht. Die ham eijentlich nur Fehler jemacht."

"Jenau. In eener langen Reihe sinnloser Versuche, den Ring loszuwerden, ham die von vorn bis hinten nur Scheiße jebaut."

"... det janze Ding auf der vollen Länge verrissen, ham se."

"Dilettanten."

"Wichserse."

"Jenau."

"Un´ als se denn Ring in´t Feuer jeworfen ham, is der irjendwo hängen jeblieben."

"Irgend ´ne Flieje hat´n nu."

"Wen?"

"Den Ring."

"Ach so."

Im Halbdunkel der Abenddämmerung glimmte der Joint kurz auf.

"Wat´n für ne bekackte Flieje?"

"´ne Gollumflieje. Gollum hat ´ne Flieje als Kind."

"Gollum hat ´ne Menge Fliejen als Kinder."

"Jenau. Gollum ist der Fliejenpapa."

"Un´ wat macht det Vieh mit´m Ring?"

"Die Flieje? Die sacht den an´ern Bescheid."

"Und denn?"

"Und denn jibt´s richtig in die Fresse."

"Von´ne Fliejen?"

"Jenau. Von´ne bekackte Fliejenarmee."

"Un´ Sauron?"

"Sauron dreht richti´ durch."

"Und denn?"

"Denn schnappt er sich ´n Mountainbike und rast volle Pulle durch die Fliejenarmee."

"Un´ hat die Fresse voll Fliejen."

"Un´ denn brauch er bloß noch seine Scheiße durchwühlen und find´t ´n Ring."

"Cool."

"Na, kieken wa den Film, oder wat?"

"Na log´n."

Der noch glühende Stummel flog über die Brüstung hinaus in den Abend. Als er in einer Funkenwolke auf dem Rasen aufschlug, hatte sich die Tür hinter den beiden Männern schon geschlossen.


16.09.04

Geistreiche Frage

Kann man jemanden, der diese Eigenschaft aufweist, damit beleidigen, ihn als intellektuell krass defizitär zu bezeichnen?

Wurmneid

Was eigentlich machen Hühner den ganzen lieben Tag - ja ihr ganzes liebes Leben - lang, außer in ihrem Laufgehege eifersüchtig darüber zu wachen, wo gerade ein Wurm gefunden wurde?

11.09.04

Dramatische Entwicklungen im Frankfurter Bankenzentrum

David hatte lange dafür gearbeitet - hart und gründlich. Mit täglichen Überstunden, häufig auch am Wochenende und dem völligen Verzicht auf Privatleben hatte er es mit dreißig Jahren geschafft, in die Konzernspitze nach Frankfurt/Main versetzt zu werden. Die Stadt war ein außergewöhnlich teures Pflaster, aber die Bezüge für Leute wie seinesgleichen standen dem nicht nach. Bereits begrifflich waren sie derselben Kategorie zuzurechnen: außergewöhnlich. Außergewöhnlich war auch die Vorstellung, in einem der fast einhundert Bürohochhäusern der Frankfurter Innenstadt ein Büro für sich allein zu haben, daß sich in einem Geschoß mit einer höheren Nummerierung als sein Alter befand. Er hatte die feste Absicht, es bis ganz nach oben zu schaffen - erst kurz vor der Rente wollte David sein eigenes Alter die Etagennummer seines Büros überwinden lassen.

Und bis zu jenem Morgen hatte er felsenfest daran geglaubt, daß es für nichts und niemanden eine andere Art zu leben geben könne. Daß da draußen alle voller Neid auf die Früchte von Davids harter Arbeit schauten, zu ihm aufblickten, wenn sich die Folgen seiner Entscheidungen in der bundesdeutschen Realität manifestierten. Dieser sein Weg durchs Leben, einzig und allein der eigenen Karriere verpflichtet, war die wirkliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wenn es etwas gab, von dem David felsenfest überzeugt war - das Fundament des Hauses seines Lebens sozusagen-, dann waren es diese zwei Dinge: Geld bestimmt die Welt. Vorwärtskommen ist alles.

Da stand er also an diesem Morgen an einer Ampel im Frankfurter Bankenviertel. Es war kurz nach halb acht, und um ihn herum standen mehr als dreißig ihrer bedeutsamen Arbeit zustrebende Entscheidungsträger. Er sah um sich herum dreißig teure, faltenfreie Anzüge, dreißig hervorragend auf die jeweilige Hemdfarbe abgestimmte Seidenschlipse und dreißig spiegelblank polierte Herrenschuhe, deren quietschender Ledersohlenchor vor einigen Sekunden still geworden war. Die Ampel hatte auf rot geschaltet und den Vorwärtsdrang einer ganzen Brigade von Wirtschaftsbossen - wenn auch nur vorübergehend - zum Erliegen gebracht. Das alleine war eine Erfahrung, die der hier an dieser Straßenkreuzung zufällig versammelte Teil der Finanzelite Europas nicht oft machen mußte. Stillstand statt ungebremster, rücksichtsloser Dynamik war nichts, woran sich diese Herren und vor allem David gewöhnen konnten. Mal ganz davon abgesehen, daß sie es nicht wollten.

Eine weitere Erfahrung, die er sicher nicht machen wollte, stand David kurz bevor. Von irgendwoher aus dem Geflecht der Straßen, die sich wie Ameisenpfade zwischen den Hochhäusern wanden, war lauter Gesang zu hören. Die ohrenbetäubenden Geräusche kamen näher, bis neben der Ampel ein Fahrrad anhielt. Auf ihm saß ein junger Mann mit nacktem Oberkörper. Wild gestikulierend stieß er Sangesfetzen hervor und röchelte die Melodien dazu. Von Zeit zu Zeit schrie er wild auf, spuckte in hoher Tonlage einzelne Wörter hervor und fiel dann in sein allgemeines Summ-Röcheln zurück. Seine roten Augen, die wild hin und her zuckten, ohne dabei wirklich zu fokussieren, zeugten von häufigen Kollisionen des Radfahrers mit den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes.

Ein Handy fing an zu klingeln. Erst nach einiger Zeit bemerkte der Sänger, daß es sein eigenes Gerät war und fing an, in den Taschen seiner knielangen Hose danach zu suchen. Als er es fand, schrie er hinein: "Entschuldigen Sie bitte, ich stecke hier mitten in einer Aufnahme." Anschließend ließ er das Handy wieder in seiner Hose verschwinden und fuhr unbekümmert fort, vor sich hin zu brüllen. Als die Ampel umschaltete, setzte er sein Rad in Bewegung und verschwand. Einfach so. Sein melodisches Gebrülle war noch zu hören, als man ihn schon lange nicht mehr sehen konnte. David schien es, als ob ihn das Geräusch von nun an immer verfolgen würde.

Er blieb stehen. Neunundzwanzig Krawatten und Anzüge setzten sich in Bewegung, neunundzwanzig Ledersohlenpaare nahmen ihren quietschenden Chor wieder auf. Nur eines blieb stehen. Für lange Zeit. Wie lange er da stand, wußte er später nicht mehr. Er war schließlich nach Hause gegangen, hatte sich krank gemeldet und einen riesigen Espresso aufgesetzt. Welchen Sinn hatte sein Leben, wenn eine Null - ein Nichts - wie dieser Fahrradfahrer es nicht respektierte, ja nicht einmal bemerkte?


09.09.04

Stralsund - Ortsteil Devin

Am nördlichsten Zipfel der Mecklenburger Landmasse, nur einen Steinwurf südlich Rügens und durch den nach Deutschlands größter Insel benannten Damm mit ihr wie durch einen Nabel verbunden, liegt die altehrwürdige Hansestadt Stralsund. Umgeben von kleinen Dörfern, verkrüppelten Kiefern und schwerem, goldgelbem Weizen, stemmt sich das Städtchen dem Wind und den stetig an die Strände schwappenden Wellen des Baltischen Meeres seit Jahrhunderten entgegen und wird sich darin, Gott behüte, auch weiterhin behaupten.

Mit den anderen Stadtteilen durch schmale Überreste von verbliebenem Land verbunden, und somit an nahezu allen Seiten durch Wasser umgeben, schlägt das Herz der stolzen Gemeinde in der historischen Altstadt. Hier ist Backstein der Stoff, aus dem die Träume gemacht sind. Körperwarm türmt er sich drei- bis viermal so hoch wie der längste der vielen Menschen, die sich durch die winkligen Gassen drängen wie Blutkörperchen durch die Venen des menschlichen Körpers. Hier und da kommt es zu Verstopfungen, bevor sich der Puls der Stadt auf den Marktplätzen oder unter den schattenspendenden Ästen der baumreichen Parkanlagen beruhigt, um nur kurze Zeit später weiter durch die Adern der Stadt zu strömen.

Wer sich vom Trubel abwendet und in östlicher Richtung, dicht am Wasser entlang, in Richtung der Hansestadt Greifswald auf den Weg macht, erreicht nach einem kräftigen Fußmarsch, ausreichend zum Bilden eines den Rücken herab rinnenden Schweißstromes, den Ortsteil Devin. Viel ist nicht bekannt über die Entstehung dieser ruhigen Ansammlung von Häusern an der nach dem Orte benannten Bucht. Erstmals erwähnt 1273, wurde das Dorf Devin 1321 vom Fürsten Witzlaw der Stadt Stralsund übergeben, zusammen mit einigen weiteren Dörfern der nähreren und ferneren Umgebung. Dann geschah für einige Hundert Jahre nichts Aufregendes. Kinder wurden zur Welt gebracht, Wellen schwappten an den Strand und der Wind zerzauste Tag für Tag die krüppeligen Kiefern der Umgebung. Erst im 17. Jahrhundert schenkten die Geschichtsschreiber dem Ort weitere Aufmerksamkeit. Anlaß war der Kauf des Dorfes durch das Kloster zum Heiligen Geist.

Dessen einträglichste Quelle von Einnahmen wurde der Park und das darin befindliche Tannencamp. Mit dem den Mecklenburgern eigenen Elan geht man nun ans Werk - keine zweihundert Jahre später wird ein Parkwächter angestellt, und prompt, nicht mal vierundzwanzig Monate danach, ein Parkwächterhaus gebaut. Von Stralsund und noch weiter her strömen seitdem Besucher heran, um sich an den sanft geschwungenen Hängen in die Schatten der riesigen Buchen zu setzen und den Blick über die liebliche Bucht bis hin zu der am Horizont zu sehenden Silhouette der Häuser von Kaufmännern der einstmals so mächtigen Hanse streifen zu lassen.

Es folgte, was folgen mußte. Kriege zogen übers Land, Imperien entstanden und gingen ebenso schnell wieder unter. Nebenher zerfielen Haus und Park. Erst vor einigen Jahren nahm man sich des ansonsten traumhaft schönen Gefildes an, sanierte es von Grund auf und betreibt es seitdem als Gasthaus mit dem Namen Kurhaus Devin.

Ebendort hatte ich die Gnade, eine Nacht verweilen zu dürfen. Ich kann es wärmstens empfehlen.

06.09.04

Angebrochene Nachmittage

Sie hatten ihn schonend darauf hingewiesen, daß auf der in Paris stattfindenden Weihnachtsfeier todesverachtende Nehmerqualitäten gefragt seien. Da drücke die Geschäftsleitung alle Augen zu, die Sau raus zu lassen sei ausdrücklich ans Herz gelegt. Er hatte es, als Neuanstellung, nicht glauben wollen.

Dies sollte sich ändern, als die Ankündigung einer Grundsteinlegung für ein benachbartes Unternehmen ins Haus flatterte. Diese war an einem Wochentag auf Punkt zwölf Uhr terminisiert. Eine erste Bemerkung seinerseits, die noch versuchte, den Termin ins Lächerliche zu ziehen, zielte zur Einhaltung des Tagespensums auf einen punktuellen Arbeitsbeginn um 2:00 Uhr nachts ab.

Sein Vorschlag wurde sofort Gegenstand allgemeiner Erörterungen. Weitergehende Erläuterungen von einem Mitglied der Geschäftsleitung allerdings erhoben die im Anschluß an die Grundsteinlegung übliche Verköstigung zur Leistungsabnahme mit Hinblick auf die Pariser Weihnachtsfeier. Defiziten im Umgang mit Betäubungsmitteln und alkoholhaltigen Getränken könnte so frühzeitig durch Anpassung des Trainingspensums entgegen gewirkt werden.

Ziel sei es, so die unternehmensinterne Direktive für die Grundsteinlegung, bereits um 16:00 Uhr problemlos einen Alkoholpegel von 5,0 Promille nachweisen zu können. Profis könnten ihren Leistungsstand durch die Fortsetzung des eingeschlagenen Tempos bis zum Sonnenuntergang eindeutig untermauern. Wonach man, so der Tenor der Anwesenden, schauen könne, was man mit dem angebrochenen Nachmittag so anstellen wolle.

31.07.04

Golfen für Profis

"Diesmal hast Du zuviel genommen!", dachte er bei sich. Sein Hemd war vom Schweiß durchtränkt, trotz des sanften Windes, und er klammerte sich an irgend etwas fest. "Das kann gar nicht gutgehen."

Er stöhnte etwas, wegen der wiederholten unsanften Stöße seines Sitzes. "Ich muß das jetzt knallhart durchziehen."

Seit mehr als einer halben Stunden bemühte er sich krampfhaft, wenigstens eines seiner Augen auf die Umgebung scharf gestellt zu bekommen. Er hatte genug Drogen zu sich genommen, um ein tollwütiges Walroß eine Woche schlafen zu legen. Das war vor mehr als zehn Stunden gewesen. Seitdem, so glaubte er zu wissen, hatte sich einiges zugetragen. Die Erde hatte sich auf ihrer ewigen Jagd um die Sonne um einige entscheidende Grad gedreht, der Morgen war aus der Kühle der Nacht empor gestiegen und irgendwo mittendrin hatte er den Überblick verloren.

Als er wieder etwas sehen konnte, saß er in einem Golfcar, das mit übelerregender Leichtigkeit auf einen lieblichen Teich zuschoß. Er riß den Lenker herum und lachte laut auf, bevor er das Golfcar knietief in einen Sandbunker rammte. Der Motor heulte laut, bis er den Schlüssel fand und umdrehte. Dann herrschte Stille.

"Heilige Mutter Gottes!", schrie er über den See, "Wat hab´ ick uff ´nem Golfplatz verloren?"

Als die anderen ihn fanden, saß er im Bunker und blickte auf das Wasser. Er schnipste eine Zigarette weg und stand umständlich auf. Während er sich den Sand von den Hosenbeinen streifte, bemerkte er ihre fragenden Blicke. Zum Golfcar rüberschauend, sagte er: "Jemand hat uff mich jeschossen. Det schwör ick."

Er zwinkerte mit den Augen, hing sich die Tasche mit den Schlägern um und wandte sich zum Gehen.

"Det neue 9er Eisen is scheiße, sach ick dir."

"Lass uns wat saufen fahren."

24.07.04

Ein gutes Versteck

Warum ich letztendlich an jenem Morgen dieses Restaurant ausgesucht hatte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Zum Frühstücken nach einer langen Reihe von exzessiven Feiern und durchwachten Nächten gibt es in einer Stadt wie Berlin bessere Möglichkeiten und auch billigere Lokale. Und es gibt bessere und billigere Orte. Immerhin, hier am Potsdamer Platz, nicht weit vom Machtzentrum der Republik entfernt, hatten die Kellnerinnen prächtige Titten, waren gepflegt und hatten allgemein das Etwas an sich, das man Klasse nennt.

Der Typ drei Tische weiter bekam von diesen bahnbrechenden Beobachtungen nicht das Geringste mit. Offensichtlich bekam er überhaupt nicht viel mit, denn er hatte zu tun. Er aß. Den Salat in sich reinschlingend, daß man sein Geschmatze in der Betriebsamkeit einer Stahlgießerei nicht überhören hätte können, krümelte er mit seinen Croissants nicht nur seinen Tisch, sondern auch die nähere Umgebung gleichmäßig zu. Die Orangenschalen ließ er, nachdem er das Fruchtfleisch mit seinen Zähnen gierig herunter gerissen hatte, unbekümmert auf den Boden fallen. Cola und Tee verschüttete er mit zittrigen Händen auf Tischplatte und Anzug. Er schien sich dabei aber wirklich wohl zu fühlen. Denn er kicherte eigentlich ständig vor sich hin.

Eine ganze Weile später begann ich mich zu erkennen. Da saß gar kein Typ - da stand die ganze Zeit ein Spiegel. Letzten Endes war die Wahl des Restaurants also doch gut gewesen. Es war immerhin so anonym, daß ich mich für eine gewisse Zeit vor mir selber versteckt habe.

Und wo gibt es das schon? Wo braucht man Orte, in die man sich zurück ziehen, in denen man sich verstecken kann, dringender als in einem Regierungsviertel? Zumal vor sich selber ...

13.07.04

Aufflammender Widerstand

Nach nicht einmal drei Minuten drangen die ersten Schreie aus dem Wohnzimmer. Er ließ die Eiswürfel in die Gläser fallen, kippte viel Whisky und wenig Cola dazu, griff sich die Drinks und ging hinüber. Sie waren nicht einmal eine dreiviertel Stunde bei der Sache, und es interessierte ihn schon, was der Grund für die dunklen, kehligen Laute sein mochte.

Sein Bekannter stand am Balkon und zerrte mit aller Kraft seines fleischigen Körpers am Türgriff. Er trug knielange, khakifarbene Hosen, ein löchriges Polohemd und war wie immer barfuß. Während er methodisch die Balkontür aus den Angeln riß, daß die Tapete zu reißen anfing, brüllte er wie ein Deckhengst, dem man mit Eisspray auf die Kronjuwelen rückte.

"Wat is´n los?"

"Scheißtür muß uff!" Der Deckhengst drehte sich um, kam auf die Whiskygläser zu und griff sich eines.

"Wat is denn mit der Tür?", fragte der Whiskymann. Sie stießen kurz an und tranken. Der Deckhengst rülpste ungeniert und ließ sich aufs Sofa fallen.

"Wat für ´ne Tür denn?", fragte er.

"Die da.", zeigte der Whiskymann in Richtung des Balkons.

"Ach so. Die muß uff."

"Wieso?", fragte der Whiskymann verwundert, setzte sich neben den Deckhengst und stellte sein Glas auf den flachen Tisch.

"Na, weil die janze Scheiße hier...", der Deckhengst zeigte mit dem Glas vage in Richtung der gegenüberliegenden Wand, wobei er etwas Whisky verspritzte, "... der janze Mist muß raus."

"Ähhha.", gähnte der Mixer. Er kramte unter den Zeitungen und Papieren auf dem Tisch eine Zigarette hervor und steckte sie an. Das Feuerzeug auf den Tisch werfend, lehnte er sich wieder zurück und inhalierte tief den Rauch ein, "Der janze Mist?"

"Jup."

"Warum?"

"Warum? Is´ doch klar!"

Ein ohrenbetäubender Rülps unterbrach die Ausführungen des Deckhengstes. "Ist doch klitzeklar: Falls hier Widerstand uffflammen sollte, brauch´n wa doch Platz zum Zutreten."

Der Whiskymann nahm einen tiefen Zug, fummelte sich einen Tabakkrümel von der Lippe und blies den Rauch aus. "Klar. Un´ wo hauen wa den Mist hin?"

Der Deckhengst schaute ihn entgeistert an. "Raus! Raus hauen wa die Scheiße. Raus aus´m Balkon."

"OK." Der Whiskymann stand auf, öffnete die Tür und trat hinaus auf seinen Balkon. Angenehm kühle Luft strömte in den vernebelten Raum.

"Hilfe! Ick bin unsichtbar!", brüllte der Deckhengst so laut, daß die Nachbarin den Whiskymann vorwurfsvoll anschaute. Der grinste unsicher, zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte sie anschließend in einem der Blumenkästen aus.

Als er wieder ins Wohnzimmer trat, fing ein Handy an zu klingeln. Der Deckhengst sprang auf, wobei er sein Whiskyglas umschmiß und suchte unter den Zeitungen nach der Quelle der Geräusche. Als er sie fand, stöhnte er.

"Scheiße. Wir können uns neue Pässe besorgen.", schlug er mit der Faust gegen die Wand.

"Wieso dat denn?"

"Mein Chef hat meine Handynummer. Wir müssen in wenigen Stunden det Land verlassen."

11.07.04

Die wirkliche todsichere Anmache

Sie könnte so aussehen:

Voraussetzung ist erst einmal, das Mädchen selber anzusprechen und in die Nähe der Bar zu locken, wo man sich einen Cuba Libre bestellt. Des Weiteren braucht man einen hilfsbereiten Kumpel mit einem modischen Ersatzhemd (später kann man die Rollen zum Dank ja tauschen). Und ganz wichtig: ein von Fett triefender, gegrillter Hühnerschenkel.

Wenn man denn da so mit der Auserwählten an der Bar rumsteht, in belanglose Konversation voller versteckter Anzüglichkeiten vertieft ist und man auf dem Weg zum Absch(l)uß eine kleine Tempoverschärfung vornehmen möchte, ist der Zeitpunkt

DER WIRKLICH TODSICHEREN ANMACHE
gekommen. Dazu greift der Gentleman locker in seine Hosentasche, holt einen saftig gegrillten Hühnerschenkel hervor und nagt ihn unbekümmert und mit einem Lachen ab. Die unterschwellige Botschaft des erfolgreichen Jägers entgeht keiner Frau. Alsdann wirft man die Knochen des Vogels mit einem verächtlichen Lächeln über die Schulter, rülpst und trinkt einen Cuba Libre auf ex.

Das ist das Signal für den hilfsbereiten Kumpel, der ungezwungen vorbei schlendert. Ist er in der Nähe, spricht ihn der Gentleman an, sagt "Warte mal!", wischt seine fettigen Griffel am Hemd des Helfers ab und wendet sich wieder seiner Auserwählten zu. Der Kumpel muss nun völlig begeistert sein Hemd herunter reissen, jubeln und mit dem Hemd über den Armen freudig springend das Gelände räumen. Die Frau wird nicht ahnen können, warum der Gentleman so berühmt sein muß, daß er fettige Hände auf fremden Hemden reinigen darf, aber sie wird der damit verbundenen erotischen Verlockung nicht widerstehen können.

Klappt immer, Freunde. Wirklich.

11.06.04

Florian

Tilman Spengler hat in seiner Kurzgeschichte im Kursbuch 133 einige Milchspritzer über den Schlips einer Nebenfigur verteilt, weil die auch sonst alles tat, "um im Anfangskapitel einer Erzählung aufzutauchen." Florian stand diesem Verhalten in nichts nach. Mir ist immer noch nicht klar, ab welchem Zeitpunkt ich anfing, nur noch auf ihn zu achten. Die Veranstaltung kann jedoch nicht älter als eine Stunde gewesen sein. Was mir jedoch sofort auffiel an Florian, war seine sterile, aseptische Art: wäre Milch auf seinen Schlips gespritzt, er hätte sich mit Sicherheit sofort geduscht.

Er saß so da, als ich den Raum betrat, in seinem grauen, klein kariertem Hemd, den dunklen, ungetragen wirkenden Jeans und schwarzen, ebenso unauffälligen wie unmodernen, aber säuberlich geputzten Schuhen, und da der Stuhl neben ihm der einzig freie schien, waren wir für die Dauer der Veranstaltung zu Nachbarn geworden. Erst einige Zeit später wurden wir uns der Tragweite dieser Beziehung wirklich bewusst - Antipathie, liebe Leser, beruht nämlich immer auf Gegenseitigkeit.

Es waren wohl einige Äußerungen seinerseits, die mein Interesse auf seine Person zu lenken begannen. Aalglatt und poliert wie sein gesamtes Wesen, waren auch seine Bemerkungen Höchstleistungen entgrateter Berührungsangste: "Ich glaube, ich denke, ich meine, Ich kenne mich da nicht so aus, aber..." Immer und immer wieder diese Angst, etwas Endgültiges in den Raum zu stellen und irgendwo anzuecken, einen Angriffspunkt zu bieten, in Erinnerung zu bleiben. Selbst der Stimme, warm, geschmeidig, hochdeutsch artikulierend, fehlte jede Unebenheit.

Seine keimfreie Austauschbarkeit zelebrierte er vollkommen. Nicht eine ungepflegte Kleinigkeit war an ihm zu finden, ein den geschlechtstypischen Rahmen sprengendes Verhalten. Gewaschene, mit dem Fön getrocknete Haare in einem uninspirierten, aber kostengünstigen Heimschnitt, penibel geschnittene Fingernägel, ein exakt geometrisch geplanter und präzise in die Tat umgesetzter Bart auf Kinn, Oberlippe und den warmen, schmiegsamen Wangen ließen die vorhandene, aber mit aller Macht verleugnete Eitelkeit unter dem kugelrunden Panzer beliebiger Übertragbarkeit durchschimmern.

Verspürte Florian Langeweile, so zog er mit den Fingern am dichten Haarwuchs seiner Arme, oder schlimmer, er zog und drehte an den Haaren seines keimfreien Bartes. Das tat er jedoch selten, denn entweder gab es für ihn keine Minuten träger Eintönigkeit, oder er behielt selbst in diesen Momenten oft genug die Kontrolle. Das einzig Unordentliche, das ich während der gesamten Veranstaltung feststellen konnte, war seine kleine, krakelige und äußerst unsaubere Handschrift. Hier konnte nicht mal er sich verstellen - allerdings, es waren ja private Notizen. Vielleicht würde er in anderen Fällen auch hier etwas Einstudiertes präsentieren, sich stets der Wirkung seiner Taten bewusst.

Nein, Florian gehörte nicht zu den Menschen, die ich auf den ersten Blick leiden kann. Allerdings - ich glaube nicht, dass ihn das jemals stören würde.

25.05.04

Angriff der Kamelspinnen

Wie der Spiegel berichtet, birgt der Irak für amerikanische Soldaten weit mehr Gefahren als nur Menschen mit Sprengstoffgürteln, Autobomben und Hochzeitsgesellschaften. Da wäre zum Beispiel die gefürchtete Kamelspinne. Ob das vom Spiegel auch in Vergrößerung bereitgestellte Foto echt ist, kann zwar nicht bestätigt werden, trotzdem werden die Biester recht groß und sind auch sonst sehr munter. Und sie fressen auch keine Kamele, sondern dem Foto nach sich selber und sollten deswegen eigentlich Sichselber(fressende)spinne heissen.

Trotzdem ist das Unbehagen nachvollziehbar, das ein amerikanischer Soldat spürt, sobald sich ein handtellergroßes Insekt in seinem Schlafsack regt. Was hilft da außer roher Gewalt? Nun, Soldaten ohne Maschinengewehre und Jagdbomberunterstützung könnten ja mal diese Überlebensstrategie ausprobieren:

• dem Spinnenmonster Bagel zuwerfen
• dem Biest Stromschläge zufügen
• abwarten, bis Spinne auf menschliche Größe mutiert
• nach längerem Kampf Freundschaft schließen mit amerikanischem Happy Cola-Drink
• fröhlich-zufriedene Riesen-Mutanten-Spinne überrumpeln und durch Air-Force-Machete mit brachialer Präzision von Nervenzentrum befreien

Solcherart gesammelte Trophäen machen sich denn auch ganz gut im Rucksack des siegreich heimkehrenden Irakbefreiers.

03.05.04

Dawn of the (Brain-)Dead

"Du bis´ also ooch so eener, der lieber die Rampe runter looft?", fragte er.

Es ging um die Kinderwagenrampe, die sich neben den Treppen zum S-Bahnhof hinunter wand und der sie den Vozug gegeben hatten.

"Ja.", antwortete der Zweite, "Det is´ jut um klar zu werden in ´ner Birne."

Er suchte nach Worten, seine Beweggründe klarer heraus zu stellen.

"Det sin´ so klare Formen...", er wies dabei auf eine höchst unansehnliche Betonkante knapp über ihren Köpfen, "... det wirkt so ... so ..."

"Jenau.", stimmte der erste ein und grinste verständnisvoll, "Jenau so wirkt det."

Sie stellten sich zwischen zwei kleine Häuschen. Es war kurz vor halb elf an diesem Sonntagabend und außer ihnen standen vielleicht ein Dutzend weitere Personen verteilt auf dem Bahnsteig herum und warteten auf ihre Bahn.

"Und? Mußte jetzt noch uff Arbeit? `N paar Kellnerinnen untern Rock grabschen ..."

"Joa. Bissl rumsitzen, een, zwee Dinger wegsaufen."

"Und dann schreien. Rrrrrichtig geil!"

"Jenau! Und denn kommen alle und labbern mich zu. Will ick aber ja nich´ hören."

"Wat machst De da?"

"Wat soll ick machen? Halt´s Maul und jeh´ arbeiten, sach ick."

"Cool.", zollte der Zweite Respekt, "Weeste, wat De denn tun musst, wenn De rinkommst?"

"Wat´n?"

"Du musst glei´ brüllen: WAT´N HIER LOS?", schlug der Zweite vor, "Ohne Namen nennen und anschauen. So kriecht jeder Angst und weeß nich´ ob er jemeint is´. UFF´N SONNTACHABEND SO´NE SCHEISSE, DA KOMMT MIR DIE WURST. Verstehste?"

"Und uff´n Montagabend, wat brüll´ ick da?"

"Na, et selbe. ICK WERD´ IRRE HIER, SO´NE SCHEISSE."

"Machste det ooch imma?"

"Na loogen. Tür knallen und sofort rumbrüllen."

Eine junge Frau lief den Bahnsteig entlang und näherte sich den beiden.

"Äähhh. ´N Zombie.", rief der eine entsetzt und lief hinter eins der Häuschen. Der andere schaute die junge Frau an, grunzte und folgte ihm.

"Und, wie fandst De den Film?"

"Naja, janz cool.", fing der Befragte an, "Janz schön straff erzählt."

Er machte eine Pause, weil plötzlich der verlängerte Rücken des anderen zu knarren anfing. Als der sich anschließend umdrehte und sah, daß keine fünf Meter weiter ein grauhaariger Mann vorwurfsvoll zu ihm rüberschaute, lachte er laut auf. Er hob ein Bein, streckte seinen Hintern ein ganz kleines bisschen in Richtung seines Ein-Mann-Publikums und ließ einen weiteren Knarrlaut ertönen.

"Cool, wa?"

"Yo, Alter, rrrrrichti´ cool. Jedenfalls hätten die doch ooch uff´n Meer treiben können und hätten dann Leichen-Schiff jetroffen."

"Wat für´n Schiff? Leichen-Schiff?"

"Na, weesst schon: Leichen-Schiff ... wie heest det? ... Schiff der ... Gespensterscheiße und so ... Ghost Ship! Und dann, wenn se da runter sin´, jehts weiter mit James Bond-Scheiße. Und dann jehst De pennen."

"Da jeh ick glei´ pennen."

"Neee. Warum denn?", reagierte der andere beleidigt, "Da landen die da so im Hafen und dann kriegen die Nachricht, bitte mitkommen oder wat, Ihre Majestät verläßt sich uff Sie."

Er dachte ein bisschen über die Story nach. Der Rücken des anderen knarrte zum wiederholten Male.

"Pass mal uff, so: Japan is´ voller Zombies und die wollen nu´ Beziehungen uffnehmen zur Welt. Uno und so. Volle Palette Beziehungen. Zombie-Nation nennen die sich.", fing er an, seine Plotvorstellungen zu erklären, "Und die wollen ooch ´n Team zur Fußball-WM schicken, sojar mit Maulkorb für ihre Spieler."

"Maulkorb is´ jut. Da sieht man gleich wie wichtig det denen is´."

"Jenau. Aber da is´ eener, der will die Macht an sich reißen. Verstehste? Und James Bond muß ran. Der will also die janze Macht an sich reißen und ... denn will er ... alle falsch informieren und ..."

"Und denn will er die alle abschlachten. Alle Zombies umbringen, ooch die lieben."

"Jenau. So´n richtijet Schwein."

Während sie kicherten, fuhr die S-Bahn ein.

"In der Scheißbahn sitzen mehr Zombies als in dem janzen Film.", stellte der erste fest.

"So ist det nu mal in ´ne Zone. Lauter Zombies."

"Tschö, Du Schwuppe.", sagten sie gleichzeitig, als sie sich die Hände schüttelten. Dann zeigten sie sich zum Abschied den Mittelfinger und grinsten.

27.04.04

Warum Hundebesitzer keine Scheißhaufen wahrnehmen

Was Hundebesitzer wohl denken mögen, wenn sie ihre kleinen Lieblinge dabei beobachten, wie sie die Gegend vollscheißen? Der Denkpass entschuldigt sich im Voraus für die plakative Ausdrucksweise, doch Themen wie die ekelerregende Rücksichtslosigkeit der Hundebesitzer fordern eine angepaßte Sprache. Jedenfalls finden sich sechs mögliche Antworten:

• Ausblenden - Hundebesitzer nehmen die Tretminen nicht wahr. Dafür sammelt ihr Gehirn, überwältigt von Liebe und Zuneigung zu ihren behaarten Lebensabschnittsbegleitern, visuelle Informationen über die unmittelbare Umgebung eines Hundescheißhaufens, extrapoliert die Daten und gaukelt dem Bildverarbeitungs-Zentrum eine scheißefreie Umwelt vor. Die Verarbeitung des Datenstroms des Geruchssinnes wird ähnlich manipuliert. Die Frage bleibt, ob sich auch der Tastsinn austricksen läßt, sollte sich ein Hundebesitzer wider Erwarten knöcheltief in den Exkrementen seines Mitbewohners wiederfinden.

• Stolz - So wie Männer auf ihre spiegelblank polierten, tiefer gelegten und auffällig lackierten Schwänze oder ihre prallen, gut durchbluteten und ellenlangen Autos stolz sind ... ähhh ... so ähnlich jedenfalls könnte die Brust eines Hundebesitzers anschwellen, sobald sein Haustier eine markige Bombe mitten auf dem Gehweg platziert. Die Gründe für Stolz sind für Außenstehende eben oft nicht nachvollziehbar.

• Vermeintliche Normalität - Die Möglichkeit ist in Einzelfällen nicht auszuschließen, dass Erziehung und Lebensverhältnisse des Hundebesitzers die Existenz von Fäkalien im unmittelbaren Lebensbereich als normal erscheinen lassen. Eine Jugend in einem asozialen Elternhause, Scheiße unter, auf und neben Bett und Nachttisch, Kotze und Urin auf dem Fernsehsessel, vollgekackte Unterwäsche noch im Erwachsenenalter - ganz schnell verschiebt sich da die Toleranzschwelle in Richtung eines unbürokratisch vor sich hinscheißenden Haustieres.

• Autodidaktische Intoleranz - Zwischen der eigenen und fremden Absonderung von Exkrementen wird zuallererst einfach kein Unterschied wahrgenommen. Auch nicht in hygienischer Hinsicht. Das kann ganz einfach erklärt werden: Nur in einem durchschnittlich gepflegten Klobecken sticht ein brauner, turnschuhgroßer Kackklumpen ins Auge. Fällt aber im eigenen WC die Schranke hinsichtlich der hygienisch notwendigen Mindestmaßnahmen, lassen sich bis zu 1000 Gramm menschlichen Kots leicht übersehen. Und hat man diese Gefilde aus Dummheit erstmal zu Hause betreten, schert einen das Naserümpfen der Mitbürger auf der Straße längst nicht mehr.

• Absicht - Die Scheißneigung des eigenen Wolfsabkömmlings wird verwendet, um der Gesellschaft einen übelriechenden Denkzettel zu verpassen. Kackende Anarchie sozusagen. Ein Phänomen, das gerade unter Deutschen sehr oft vorkommt, ist fehlende Selbstkritik, die Fähigkeit, eigene Fehler einzugestehen. Es mag also Hundebesitzer geben, die die Schuld am Fehlstart ihres Lebens der Gesellschaft geben. Ihre Rache konzentriert sich folgerichtig auf die gleichmäßige Bescheißung der Gehwege unserer Gemeinden.

• Sexuelle Erregung - Es mag Fälle geben, in denen Hundebesitzerinnen der Bauch kribbelt und ihre Nippel hervorstehen und sie sich zwanghaft in den Schritt fassen, in denen Hundebesitzern ein unbeschreibliches, knüppelhartes, schmerzhaftes und saugeiles Prachtexemplar einer Dauererektion unterkommt, einfach und allein deshalb, weil sie Scheiße sehen. Was ist heute schon pervers? Eine sexuelle Affinität zu halbverdautem Rinderpansen etwa? I wo.

Und deswegen, liebe Hundebesitzer, weiter so. Haut die Tölen voll, bis ihnen die Därme platzen, auf daß sie unsere Innenstädte in Scheiße versinken lassen. Ihr werdet eure Gründe schon haben - dies ist immerhin eine Demokratie. Und das bedeutet nichts anderes, als daß jeder auf den anderen scheißen darf.

21.04.04

Wie man eine Rockoper schreibt

Ihr Name war Magenta und ihr Aufstieg auf den Rock- und Pop-Olymp war unvergleichlich. Sie unterschied sich grundlegend von den durchgestylten Barbiepuppen, die die Popszene in beliebiger Stückzahl auf den Markt warf. Sie ließ sich in kein Schema pressen, schlug ständig über die Stränge und war zugleich gelangweilt von dem Rummel um ihre Person. Ihre Marke war, keiner Marke zu entsprechen. Konventionen? Pahh. Regeln? Phhht. Nichts und niemand würde ihr Vorschriften machen. Das war ihre Marke, das war ihr Profil. Das liebten ihre Fans. Das, und ihre zügellose - fast maskuline - Wildheit.

Als ihr Manager sie im hintersten Zimmer des Appartments fand, lag sie völlig nackt auf dem Teppich vor dem Sofa. Auf dem Tisch standen verschiedene Drinks und überall lagen Zigarettenstummel und zerknülltes Geld herum. Nur von ihrer Kleidung war nirgends was zu sehen. Im Fernseher lief in voller Lautstärke MTV. Sie hatte mal wieder die Nacht zum Tag gemacht, hatte wahrscheinlich ein paar Leute mit aufs Zimmer genommen und ihre Affinität zu freiem Sex ausgelebt. Nichts dagegen einzuwenden, dachte er, holte ein nasses Handtuch aus dem Bad und wischte seinem Zugpferd die Kotze aus dem Gesicht. Als sie die Augen aufschlug und ihn angrinste, gab er ihr ein Glas Rum mit etwas Cola.

"Paß auf, Mädel.", begann er ansatzlos, seinen neuesten Plan vorzustellen, "Ich hab´ da eine Idee, wie wir Dich wieder interessant machen."

Sie grinste weiter. Als sie versuchte, sich mit ihrem nackten Arsch aufs Sofa zu setzen, verfehlte sie das Plüschmöbel nur knapp und rutschte wieder auf den Fußboden. Der Drink landete auf dem Teppich, aber zielsicher griff sie sich ein anderes Glas.

"Wir werden deine klassische Ausbildung betonen und eine Rockoper aufführen."

"Geil."

"Ja, nicht? Ich denke, wir könnten sie am Broadway unterbringen. Ich seh´ das alles vor mir.", fuhr er fort. Er erläuterte ihr seine Idee, malte ihr aus, wie gut diese Oper ihr Image der wilden, intelligenten, freiheitsliebenden Popikone bereichern würde, welchen Medienrummel man entfachen würde, daß sich hier Synergien und neue Märkte ergeben würdem, von denen niemand etwas ahnen würde. SIe unterbrach ihn nur einmal, als sie ihm freudig verkündete, kein Wort zu verstehen und anschließend rülpste. Unbeirrt fuhr er fort, die Einzigartigkeit seines Vorhabens zu schildern. Er war dermaßen begeistert, daß er erst nach einiger Zeit merkte, daß sie wieder eingeschlafen war. Er nahm ihr das Glas aus der Hand, zog ihren reizenden Körper auf das Sofa und warf ihr einen Bademantel über, um ihre Nacktheit zu verhüllen. Das Tattoo auf ihrem Rücken schaute darunter hervor und lenkte sein Interesse auf ihre prächtigen Arschbacken. Er schaute sie lange an und grinste dann. Als er das Zimmer verließ, hing er das Nicht-Stören-Schild über den Türknopf. Es gab keinen Grund, sie so dem Reinemachepersonal vorzuführen.

Zwei Stunden später traf er sich mit den Leuten vom Broadway. Die waren noch begeisterter als am Telefon. Als er die Frage stellte, wo man denn bloß eine Rockoper herbekomme, lachten die anderen.

"Also, das ist gar kein Problem.", sagte einer, "Das läuft ganz einfach."

Man habe nur nachzuschauen, welche Opern junger, erfolgloser Stückeschreiber in der letzten Zeit abgelehnt wurden. Das habe nicht immer mit der Qualität des Stückes zu tun, weihte er den Manager ein. Eigentlich nie, warf der zweite dazwischen und grinste säuerlich. Das sei alles eine Frage des zu erwartenden Zuschauerinteresses, und das stehe selten in Zusammenhang mit der Qualität des Stückes. Bei Magenta, so fügte er an, sei die Sache anders - da ziehe allein der Name genug, da könne man sogar Qualität anbieten. Beide lachten laut auf.

"Wir suchen uns also so einen Stückeschreiber und lehnen sein Stück ab.", fuhr der erste fort, "Und dann bestellen wir ihn zu uns und nehmen ihn in die Mangel."

Man sage ihm, sein Stück würde unter diesen Umständen niemals aufgeführt. Was für Umstände würde er fragen? Sein Name, ganz einfach. Er sei keine Zugnummer und diesen ganzen Broadwayscheiß könne er sich aus dem Kopf schlagen. Vergessen. Abhaken. Das laufe so nicht. Es könnte aber anders laufen, würde man vorschlagen, man kaufe ihm das Stück ab und bringe es unter einem anderen Namen. Einem Namen, der zieht. Er würde gutes Geld verdienen. Damit könne er eine Zeitlang ohne Druck an einem neuen Stück arbeiten. Keine Nebenjobs, keine Mahnungen, keine Existenzängste. Das wäre der Deal. Und das Angebot habe er heute zu nehmen oder zu vergessen. Es würde nicht wiederholt werden.

Was wäre, wenn er ablehne, fragte der Manager besorgt. Die beiden Broadwaytypen lachten. Das wäre kein Problem. Würde er nicht ablehnen, wäre er ein Idiot. Aber die zweite Runde, das sei gewiß, die würde er nicht überstehen ohne zuzusagen. Warum, fragte der Manager neugierig. Ganz einfach. Man würde ihm zusätzlich zum Geld anbieten, sein neues Stück aufzuführen. Eine Premiere-Garantie, sozusagen. Und bei Gott, da hätte noch nie jemand nein sagen können.

"Unter uns gesagt, der Typ hat doch Talent.", grinste der eine und legte dem Manager den Arm um die Schultern, "Sonst würden wir sein Stück doch gar nicht nehmen."

Eine rundum gelungene Präsentation fand der Manager, so könne es laufen. So werden Geschäfte gemacht, tönte einer der Boradwaytypen und winkte den Kellner herbei. Man wolle den Anfang einer langen Freundschaft begießen, sagte er und bestellte zwei Flaschen Champagner. Als sie später gingen, ließen sie die Rechnung liegen. Magentas Manager nahm sie, zuckte mit den Achseln und zahlte. Geld verdienen würde er am Broadway noch genug.



Was das Ganze sein soll? Keine Ahnung. Hab´ nur mal nachgedacht, wie so was laufen könnte.

19.04.04

Ausreden

Warum er sich nicht früher um die Sache gekümmert habe, fragte die Sekretärin den Lieferanten, der Termin sei doch bekannt gewesen.

Schon ihr Ton machte deutlich, daß es ihr nur um Konversation und nicht um die Klärung der Schuldfrage ging. Die war gar nicht zu klären, zu einem Problem war es nicht gekommen. Wie immer, übrigens. Mit welcher Antwort mag sie dann wohl gerechnet haben?

• Weil ich ein vergeßlicher Volltrottel bin?
• Weil mich das Alles gar nicht interessiert?
• Weil ich zu blöd dafür bin?
• Weil ich mich erst jetzt damit befasst habe?
• Weil ich immer noch nicht weiß, wovon Sie eigentlich reden?
• Weil ich Sie hasse und um ihren Job bringen will?
• Weil die Kacke hier bei uns gar sehr dampfet?
• Weil ich mir vorher schmerzhaft in den Hoden schoss?
• Weil ich bis eben Haupt- und Nebenangeklagter in einem Sekretärinnen-Mordprozeß war?

Wir werden es nie erfahren ...


03.04.04

China-Sittich

Nachdem die verschiedensten olympischen Komitees unseren Vorschlag einer zeitgemäßen, neuen Sportart für die Olympischen Spiele weiterhin ignorieren, wenden sich unverständlicherweise auch die Geldgeber innerhalb der Lebensmittelindustrie von unseren Anregungen zu einer Wende im Ernährungsverhalten der Westeuropäer ab. Unverständlich bleibt diese ablehnende Haltung allein deshalb, weil sich bei der Umsetzung beider Ideen ungeahnte Synergieeffekte ergeben würden. Wellensittich-Federball liefert eben auf unerreicht einfache Weise die Grundbestandteile einer Wellensittich-Boulette.

Unser Problem besteht also weiterhin: fünf Wellensittich-Individuen, deren antisoziales Verhalten jede Zusammenkunft ihrer Besitzer in empfindlichem Maße stört. Darüber hinaus sind wir Wellensittich-Geplagten aber auch Vorzeige-Erste-Welt-Bewohner: Immer auf der Suche nach dem Goldenen Kalb. Und aus dieser unerhörten Verbindung - zutiefst sadistische Wellensittich-Mordlust und unbezähmbare Geldgier - ergeben sich denn auch ständig neue, potentielle Jahrhundert-Ideen. So wie unser neuester Vorschlag, der das Party-Wesen Westeuropas auf einen Schlag nicht nur ins 21. Jahrhundert, sondern gleich ins 22. Jahrhundert befördern wird.

Es handelt sich um den China-Sittich. Bei der Wahl dieses wahrhaft zeitgemäßen Namens wurden mehrere Aspekte berücksichtigt. Daß das kommende Jahrhundert als das Jahrhundert Chinas in die Geschichte eingehen wird, ist ebenso unbestritten wie die mit dem Namen Peking-Ente verbundenen Gaumenfreuden. Zudem ergab sich der Name aus einer Kombination von China-Böller und Wellensittich (und das Gegenteil, der Wellen-Böller, sagt nun wirklich nicht viel über die Partyrevolution des kommenden Jahrhunderts aus, wie sich zeigen wird).

Worum handelt es sich also nun? Ein je nach Geschmacksrichtung zubereiteter Wellensittich wird in die Mitte eines nicht zu großen, runden Tisches gelegt. Zur Erlangung der unterschiedlichen Geschmacksrichtungen empfiehlt es sich, den Wellensittich zu kochen, braten, rösten, pökeln oder räuchern. Auch Fans roher Kost kommen auf ihre Kosten: der sogenannte Su-China-Sittich wäre hier die Lösung. Aber wir schweifen ab. In eine Körperöffnung des fertig zubereiteten Tieres wird als nächstes ein zündelnder Chinaböller gesteckt. Die Teilnahmer der strikt nach Runden aufgeteilten Schlemmerei postieren sich um den Rundtisch herum, öffnen ihre Münder so weit wie möglich und schließen die Augen. Innerhalb kürzester Zeit werden sie - wie von selbst - in den Genuß einer wahren Köstlichkeit gelangen.

Der strenge Ablauf läßt sich mit verschiedenen Getränkerunden sehr gut auflockern. Zu speziellen Feiern, wie zum Beispiel der Sylvesternacht, läßt sich die optische Wirkung des Festmahls steigern, indem man die Wellensittiche ungerupft zubereitet und serviert. Die fröhlichen Farbtupfer, die man einer Feier so verleihen kann, werden in der Erinnerung der Gäste einen unerreichten Spitzenplatz einnehmen.

01.04.04

Das Geschäft seines Lebens

"Weiss´ Du, was ´en juten von ´nem schlechten Kellner unterscheidet?", fragte er und schaute auf den Grund des Cocktailglases in seiner Hand. Sie waren an diesem Abend mittlerweile in der dritten Bar angelangt.

"Ne. Wat denn?", kam schwerfällig die Antwort seines Tischnachbarn.

" ´s is´ die Fähigkeit, die Jäste, bei den´s auf die eijene Faulheit nich´ so ankommt", er wies auf das Liebespaar am Nebentisch, das seit geraumer Zeit eng umschlungen schluchzte, "von den Jästen zu un´erscheiden, bei denen ei´m das Jeschäft seines Lebens entjeht."

Ich hab´zu tun

Die beiläufige Unterhaltung lief schon eine Weile, als sie ihn fragte: "Und? Wollen wir uns da mal ransetzen?"

"Nee! Ick hab...", kam seine Antwort sofort. Entsetzt schaute er für Sekunden auf den leeren Schreibtisch vor ihm, bevor er hinzufügte: "...zu tun!"

Die beiden Frauen verdrehten ihre Augen und wandten sich mit einer Grimasse ab. Überarbeitung war keine der Assoziationen, die man mit ihm verband.

29.03.04

Wessen Kinder?

"Das ist aber schön... ", sagte sie, als die ersten Gäste gingen, "...jetzt kann man mal sehen, welche Kinder zu welchen Erwachsenen gehören."

26.03.04

Wartezeit

Träge von Strich zu Strich schleichend, schlief der Minutenzeiger bei seiner Runde ums Ziffernblatt ein. Abwechslung bot allein das Klingeln der Nummernanzeige, dessen doppelter Klang von Zeit zu Zeit die Augen der Anwesenden auf die gelb leuchtenden Ziffern lenkte. Die Hoffnung, die die Wartenden mit den Klängen des Zählwerks verbanden, wurde mit jedem Blick aufs Neue enttäuscht. Die Segmente, deren Zusammenspiel die Ziffern ergab, folgten unbarmherzig der Zahlenreihe. Etwaige die Wartezeit verkürzende Sprünge blieben aus.

Neu Hinzukommenden kündete der Zettel, den die Maschine unter dem Zählwerk ihnen mit einem leisen Rattern entgegen spuckte, vom bevorstehenden Martyrium. Kleingedruckt stand dort unter anderem, wieviele Wartende vor ihnen an der Reihe wären. Als der junge Mann sein Billett entgegennahm, benötigte die dort abgebildete Zahl zu ihrer Darstellung bereits drei Ziffern.

Die stickige, verschwitzte Luft, die ihm aus dem Warteraum entgegen schlug, ließ ihn seine Schritte den vollbesetzten Gang hinunter leiten. Um ihn herum wurde gelesen, geschrieben, telefoniert, geredet und gegähnt. Man schlief hier und da. Die Wartenden langweilten sich und glotzte müde aneinander vorbei. Als er endlich Platz vor einem der verschlossenen, staubigen Fenster gefunden hatte, schlug er sein Buch auf und fing an zu lesen. Über den Rand des Papiers hinweg nahm er die vorbeiziehenden Schuhe wahr. Es war ein Kaleidoskop von Braun- und Schwarztönen, Absätzen, flachen Sohlen, neuem oder abgetragenem Schuhwerk, das da am Rande seines Blickfeldes zu tanzen anfing.

Mundgeruch machte ihn auf die beiden Frauen neben ihm aufmerksam. Die Ältere hatte blaßbraunes, überstrapaziertes Haar, trug einen Ledermantel und war etwa 60 Jahre alt. Wenn sie sprach, kündete der Hauch ihrer krebskranken Stimme vom Ursprung des nach Zigaretten stinkenden Fäulnisgeruchs. Auf dem Boden vor ihren hellbraunen Schuhen stand ein übergroßer, quaderförmiger, blaß karierter Plastikbeutel, wie man ihn häufig auf dem Lichtenberger Bahnhof sieht, wenn Züge aus Osteuropa eintreffen. Als ihr Handy klingelte, öffnete sie umständlich die Tasche, wartete ein weiteres Klingelzeichen ab und ließ sich dann in ungenierter Lautstärke auf ein fernmündliches Gespräch ein.

Ihre Begleiterin war um einiges jünger, um die vierzig etwa. Sie war kräftig gebaut: Ihr Körper strahlte den Charme einer Serviererin vom Oktoberfest aus. Dem, was das Leben ihr hinwarf, trat sie auf hohen Absätzen gegenüber. Ihr fettiges Haar ließ erahnen, daß es vor langer Zeit blond gefärbt worden war. Mit ihren in billigem Blau geschminkten Augen suchte sie ruhelos den Korridor ab. "Scheiße" war eines der Wörter, die am häufigsten die verfaulten Zähne hinter ihren dünnen Lippen passierten.

Sitzenbleiben war dem jungen Mann nur möglich, wenn er sich unauffällig die Nase zuhalten würde. Der Gestank von billigen Zigaretten und Alkohol, durch jahrelange Gewohnheiten zur Unerträglichkeit verdichtet, war auf so kurze Distanz nicht auszuhalten. Dabei keine Aufmerksamkeit zu erregen und weiter zu lesen, war ihm aber nur für wenige Minuten möglich. Danach stand er auf und lief den Gang hinunter. Er stand lieber. Der Stuhl, den er zurückließ, war noch leer, als er eine Stunde später aus dem Büro kam und nach Hause ging.

Die beiden Frauen hatten ihre Isolation nicht mal mitbekommen.

25.03.04

Kommentarlos

Als er nach hinten ging, die Festlegungen der Geschäftsleitung den Mitarbeitern mitzuteilen, fühlte er sich unsicher. Wer würde Bemerkungen fallen lassen? Wem müßte er etwas erklären, was nicht zu erklären sei? Ruhig und bewußt freundlich, mit gefaßter Stimme verbreitete er die Informationen. Niemand schien sich aufzuregen, alle lächelten. Kommentarlos nahm sein Rundgang ein Ende.

Er wünschte sich, das wäre immer so, wenn er den Mitarbeitern näher brachte, wer morgen am Englischkurs teilnehmen müsse.

Betriebsklima

Als er mit der Digitalkamera zum zweiten Mal ins hinterste CAD-Büro ging, um die Räumlichkeiten einschließlich der Klimaanlage zu fotografieren, fragte ihn ein Mitarbeiter, wofür diese Fotos seien.

"Für die Bezuschußung der Klimaanlage.", antwortete er wahrheitsgemäß.

"Klimaanlage?", kam die Antwort, "Besser wäre eine Betriebsklima-Anlage."

20.03.04

Grand Prix-Ausrichter drohen türkischen Votern

Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, verlief die in Berlin-Treptow stattfindende deutsche Vorentscheidung zur Teilnahme am European Song Contest mit auffallend agressiven Untertönen. So kam es zu einer Reihe von Zwischenfällen, so ein Augenzeuge unter Berufung auf Anonymität, die darauf ausgerichtet waren, dem deutschen Vertreter im Endausscheid die Gesamtheit aller türkischen Stimmen zu sichern. Die Dramaturgie des Abends unterstützt diese Anklagen.

Den Anfang nahm die Beeinflussung türkischer Wählerstimmen, als die Moderatorin des Abends, Sandra Kuttner, in türkischer Trachtenmode die Bühne betrat. Man hätte ihre "unrasierten Hammelhaxen sehen" können, so unser Mann vor Ort. Einzig und allein ihr Verzicht auf weitere typisch türkische Mode-Acessoires wie "Ringelsöckchen und krumm gelaufene Pumps" hätten die Produzenten davon abgehalten, Sandra Kuttner aus dem Programm zu nehmen.

Zu einem späteren Zeitpunkt habe der Komoderator Jörg Pilawa, als er einen Reporter in Istanbul per Lifeschaltung befragen wollte, die Wörter Istanbul und Israel vertauscht. Dass der Moderator der Wissenshow "PISA-Der Ländertest" dieser Verwechslung zufällig erlegen sei, "ist wohl auszuschließen", so die dem Denkpass zugängliche Quelle. Statt dessen wolle man hier gezielt drohen: Istanbul werde vor der arabischen Welt mit Israel gleich gesetzt, sollten die Türken nicht richtig abstimmen. Über die Bedeutung dieser Gleichsetzung sei sich wohl jeder im Klaren, so unser Informant weiter.

Während der erwähnten Lifeschaltung folgte sofort die nächste unverhohlene Drohung. Ein unbekannter ARD-Reporter, der sich als Leiter des ARD-Studios in Istanbul, Dieter Sauter, ausgab, stellte territoriale Ansprüche an die Türkei: Istanbul sei nichts weiter als ein "überdimensionales Kreuzberg". Den Türken werde hier gezeigt, "wie man mit Abweichlern verfahre", so das Fazit unseres Informanten, "annektieren und fertig".

Der Höhepunkt war der Auftritt des in London lebenden türkischen Sängers Mustafa Sandal. "Ihm wurde das Mikro abgedreht", um auch so Türken zu zeigen, "welche Macht Deutschland habe". Trotzdem beendete Sandal seinen Auftritt mit professioneller Routine. Das i-Tüpfelchen der Beeinflussung türkischer Grand-Prix-Wahlstimmen bildete "mit Sicherheit die Kleidung" von Mustafa Sandal, so die Meinung unseres Beobachters. Sandal wurde buchstäblich "mit vorgehaltener Pistole" gezwungen, ein weißes T-Shirt mit einem blutroten Fleck auf der Brust zu tragen. "Wer diese Symbolik nicht versteht, tut mir leid.", wies der anonyme Informant auf die bildhafte Drohung hin.

Äußerungen der Türkei zu den Vorwürfen liegen dem Denkpass noch nicht vor.

16.03.04

Irgendwo da draußen

Als sie ihn das dritte Mal auf ihren Unmut aufmerksam machte, war ihr Zischeln mit Sicherheit zwei Reihen weiter zu hören. Er schaute zu den beiden Typen herüber, die ihren Unmut verursachten. Er konnte ihren Ärger nachvollziehen. Aber im Gegensatz zu ihr wußte er, wer dort saß: Jemand, mit dem nicht zu spaßen war. Mit dem man nicht einfach so rumdiskussierte. Typen wie die standen nicht auf Diskussionen. Typen wie die brachten sich Schweinefilets in Tupperware mit, wenn sie ins Kino gingen. Ihr Rucksack war voller Alkohol, und sie selber saßen in Unterhosen im Kino. Wahrscheinlich, weil sie von alledem nicht viel mitkriegten.

Die Gefahr eines mit Drogen vollgepumpten Eisbären auf Partnersuche ausstrahlend, waren das da drüben zwei Typen, die Diskussionen überhaupt nicht mochten. Das Ende der Fahnenstange der menschlichen Entwicklung, aber das untere. Er richtete seine Augen wieder auf die Leinwand und drückte sanft ihren Arm. Er verstand sie vollkommen. Für sie war das hier der Höhepunkt des Monats. Der Besuch der 23:00-Uhr-Vorstellung an einem Dienstagabend war für sie das nach außen weithin sichtbare Zeichen ihrer finanziellen und geistigen Emanzipation, ihrer eigenen Freiheit, ihres Erfolgs. Frauen neigen zu solchen Übertreibungen.

Aber er würde sich hüten, deswegen zu den Typen rüber zu gehen. Er hatte ihnen in die Augen schauen können. Kurz vor Beginn des Films hatte er sie für einige Zeit auf der Toilette erleben können. Hatte ihren Atem gehört und ihr abgeschabtes Lachen. Wer mit so einer Dröhnung rumlief, hatte große Mühen auf sich genommen. Dafür braucht man zuallererst einmal knallharte Disziplin und eine funkelnagelneue Kreditkarte. Und zu guter Letzt, unabdingbar, als wichtigste Voraussetzung: man brauchte achtundvierzig Stunden volle Rückendeckung. Sind Typen erstmal so tief drin, merken sie gar nichts mehr. Nicht mal, wenn man ihnen eins mit der Baseballkeule vor die Birne hauen würde. Typen wie die würden wahrscheinlich grinsen, sich brennend für das lebende Spielzeug interessieren, das vor ihnen mit der Alustange rumfuchtelte und sich die nächsten zwei Stunden köstlich mit fremden Blut und Nieren amüsieren.

Er beschloß, die Sache so gut es ging zu ignorieren.

08.03.04

Das Wellensittich-Problem II

Das Nationale wie das Internationale (und wahrscheinlich auch das Intergalaktische) Olympische Komitee überschlagen sich nicht gerade vor Begeisterung für unseren Vorschlag zur Bereicherung der Olympischen Spiele. Wir sind nichtsdestotrotz voller Zuversicht, diese Sportart zu einem späteren Zeitpunkt den verschiedenen olympischen Komitees erfolgreich präsentieren zu können. Nur leider - unsere Fans mögen uns verzeihen - scheint es mit einer Implementierung zu den Olypmischen Spielen 2004 in Athen nicht zu klappen.

Dies liegt sicherlich auch daran, daß nicht rechtzeitig Qualifikationswettbewerbe durchgeführt werden können. Es fehlt ebenso an speziellen Stadien: von den Griechen kann man ja kaum erwarten, daß sie nun auch noch neue Bauprojekte in ihr Durcheinander aufnehmen. Auch die Versorgung eines olympischen Turniers mit genügend Wettkampfvögeln würde unserer jungen Organisation derzeit noch schwer fallen. Somit sehen wir selber, wie unrealistisch unser Traum war.

Was machen wir aber nun mit den fünf Ruhestörern in "Olafs" und "Ramonas" Wohnung? Die Lösung liegt dem erfinderischen Geist nicht fern. Eine ebenso erfolgversprechende Idee wie unsere olympische Sportart Wellensittich-Federball ist unser Rühreiprojekt. Dabei handelt es sich - na klar - um eine Gelddruckmaschine, wie sie im Buche steht: Wir verkaufen Rührei. Und zwar in 50-kg-Wollsäcken, fertig gekocht und esswarm. Man sehe selber, welch gigantischer Markt sich unserem Konglomerat eröffnet. Millionen luxusgewöhnter Deutscher, deren Ernährungsprobleme wir auf einen Schlag in den Griff kriegen: mit 50-kg-Rühreisäcken. JAWOHL!!!

Aber was fehlt dem geneigten Konsumenten zu seinem Rührei? Richtig: es fehlt die

WELLENSITTICH-BOULETTE

05.03.04

Landschaftsschutzpark Neue Bundesländer

Wahre Trostlosigkeit offenbart sich dem Betrachter in den Bahnhofsgaststätten unseres Landes. In Rathenow, wie auch sonst überall in den neuen Ländern, treffen sich hier die Gestrandeten und die Reisenden. In Rathenow sind es mehr von den Gestrandeten. Sie essen billige Schnitzel, trinken abgestandenes Bier und entfalten dabei einen unangenehmen, isolierenden Lärm.

Auch sonst bietet der Bahnhof in Rathenow nichts Aufregendes. Welcher Bahnhof außer den blitzenden Hauptbahnhöfen in drei oder vier deutschen Großstädten bietet das schon? Selbst dort schaut man allzu leicht hinter die spiegelblanke Fassade und wendet - voller Ekel - den Blick schnell wieder ab. Hier in Rathenow stellt sich dem Betrachter eine zweigeteilte Welt zur Ansicht. Der benutzte Teil des Bahnhofs riecht neu und entspricht visuell derselben Stangenware, wie sie die Deutsche Bahn überall in Deutschland abliefert. Der alte Teil ist gleich gegenüber: verwahrlost, zugewachsen und zerfallen steht auf dieser Seite alles leer soweit das Auge reichen mag.

Die aus unternehmerischer Sicht interessanten Züge fahren denn auch mit voller Wucht durch Rathenow hindurch, ohne auch nur einen Blick nach links oder rechts zu werfen. Hält mal ein Regionalzug, so steigen mehr Leute zu als aus. Die, die aussteigen, sind durchgängig höheren Alters. Die, die einsteigen, auch. Fortpflanzung fällt somit schwer: Menschen im geschlechtsreifen Alter treffen sich nicht so oft.

Diesen ernüchternden Beobachtungen entspricht auch die Geräuschkulisse am Bahnhof, klingt es hier doch wie anderswo im Landschaftsschutzgebiet. Vögel zwitschern und der pfeifende Wind lässt irgendwo den Draht an einem Fahnenmast klappern. Selten nur hört man ein Auto vorbeifahren. Die größte Abwechslung bietet der mit 250 km/h glücklich vorbeidonnernde ICE.

Rathenow ist ein Blick in die Zukunft. Bald wird der Ort tot sein, so wie das ihn umgebende Land. Ein paar Leute werden dem geneigten Reisenden die Betten ausschütteln und die Toiletten sauber halten. Zwei oder drei Förster werden sich um das Wild kümmern. So sieht er aus, der Landschaftsschutzpark Neue Bundesländer.

28.02.04

Neue olympische Disziplin

Ja, es ist wahr: Der engere Kreis meiner Bekannten - mich eingeschlossen - steht kurz davor, über Nacht stinkreich zu werden. Der Grund? Ich gebe es offen zu - wir arbeiten mit Hochdruck daran, eine neue, faszinierende Gelddruckmaschine zu entwickeln: eine olympische Sportart. Wie das alles gekommen ist?

Nun, als Gruppe wie auch als Individuen sind die Mitglieder dieses engeren Kreises wirklich keine Senkrechtstarter. Betrachten wir diese Personen einmal der Reihe nach, so werden wir feststellen, daß sie auf einen kurzen Blick hin wunderbar in die bundesdeutsche Konsum- und Spaßgesellschaft hineinpassen. Manierlich mit Surfer-Marken-Kleidung ausgestattet der eine (nennen wir ihn der Einfachheit halber "Rene"), trägt ein anderer exklusivere Marken und wechselt häufig seine Handys, um stets aktuell zu bleiben (nennen wir ihn ruhig "Jan"). Ein dritter kennt in jeder Hinsicht kein Maß: beim Feiern, Spielen, Saufen, Rumschweinern. Sein Name sei "Olaf". Ein weiteres Mitglied, er sei "Mario" genannt, fängt - erstmal richtig besoffen - in den Klubs immer an herum zu schreien. Und zu guter Letzt jemand, der keine Kosten und Mühen scheut, wenn es ums Internet geht - und immer dabei sein will, wenn irgendwo gefeiert und gefressen wird. Wir wollen ihn "Gregor" nennen. Kennzeichnend für alle hier, aber das fällt nicht sofort auf, ist eine genetisch veranlagte, todesverachtende Vergnügungssucht. Letzten Endes ist sie der Grund, warum sich alle kennen und einigermaßen leiden können. Am Rande bemerkt: Da nur zwei von ihnen wirklich ernsthaft arbeiten, tritt die Gruppe oft auch unter der Woche zusammen.

Aber weiter. Wir sind ein klitzekleines Bisschen abgeschweift. Nun ergab es sich, daß des Einen ("Marios") Beziehung vor geraumer Zeit in die Brüche ging. Leidtragende waren in diesem Fall die drei Wellensittiche der jungen Lebensgemeinschaft. Um sie nicht auseinander zu reißen, wurden sie der ehemaligen Lebensabschnittspartnerin untergejubelt - nennen wir sie "Ramona". "Ramona" ist darüber nicht wirklich glücklich, steht aber über eine zufällig fast termingleiche Geburt ihres Kindes und des Kindes von "Gregor" weiterhin in engem Kontakt mit dem oben beschriebenen engeren Kreis. Einige Zeit später fand es "Olafs" Oma an der Zeit, sich vom Alltagsgeschäft der Sterblichen zurück zu ziehen (So it goes). Da sie eine große Tierfreundin war, vermachte sie ihrem Enkel "Olaf" nebst einer Datsche und einem Keller voller Lebensmittel auch zwei Wellensittiche.

Die Ingredienzen für den Konflikt dieser mittlerweile viel zu langen Geschichte sind nun endlich beisammen: Fünf Wellensittiche, die ihr Unwesen auf den Feiern einer rücksichtslosen Vergnügungsbande treiben. Ihr Geschrei stört jede noch so harmlose Unterhaltung - und tritt ja an verschiedenen Orten auf. So sind "Ramonas" und "Olafs" Wohnung betroffen. Ernst gemeinte Versuche von "Olaf" und "Ramona", dem jeweils anderen Vogelliebhaber die eigenen Tiere unauffällig unterzujubeln, scheiterten bislang an der übertriebenen Wachsamkeit und dem fehlenden Vertrauen der beiden zueinander. Der weise Ratschlag der Gruppe war also gefragt, wie es weiter gehen könne.

Und hier kam nun - wir wollen keine Namen nennen, weil wir es auch nicht mehr so richtig wissen, denn wir waren wie alle anderen bereits etwas umnebelt - jemanden die grandiose Idee: Wir entwickeln eine spezifische, aber hoch interessante, neue olympische Sportart. Sie bietet tollen Spaß, kann mit richtig interessanten Zeitlupenaufnahmen dienen und bietet - wichtigste Voraussetzung für den finanziellen Erfolg - genügend Möglichkeiten für Werbeunterbrechungen. Einige unwichtige Regeln der neuen Sportart weisen noch Holprigkeiten auf - oder sagen wir es mal so: Der Feinschliff ist noch nötig. Einen Namen haben wir aber schon:

WELLENSITTICH - FEDERBALL

20.02.04

Eltern

Ich habe mal gehofft, meine Eltern verstehen zu können. Eines Tages, so dachte ich, werde ich begreifen, was sie denken, was sie fühlen - wie sie sind. Damals war ich fünfzehn und habe den vorletzten Sommer der DDR erlebt. Kylie Minogue hatte ihren ersten No.1-Hit, die Pet Shop Boys waren Superstars und ich trug einen Haarschnitt wie David Gahan, dem Frontmann von Depeche Mode. Im Kino lief Dirty Dancing und die Mädels in meinem Alter waren in Patrick Swayze verliebt. Gott, wie unbedarft und dumm wir alle damals waren.

Gestört hatte mich an meinen Eltern immer ihr fehlendes Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten, ihre bevormundende Art und ihre - in meinen Augen - unerbittliche Sturheit. Mit den Jahren haben wir uns arrangiert. In vielen Punkten, so sah ich, hatten sie recht. Wollten mich behüten vor mir selber, meinen fehlenden Erfahrungen, meiner ungestümen Entscheidungsfreude. Und haben mich doch immer nur geliebt. Sogar, wenn wir uns stritten.

Heute, so scheint es, entfernen wir uns wieder voneinander. Ich verstehe sie kaum noch - und bin doch selber schon über dreißig. Kann nicht mehr nachvollziehen, wie sie denken und handeln. Warum sie sich hinter ihren Meinungen verschanzen. Und möchte ihnen doch nie wehtun, wenn ich sie deswegen angreife. Weil: Letzten Endes mache ich das auch nur, weil ich sie liebe.

Manchmal denke ich, der Übergang vom Studium zum Job könnte Schuld sein. Oder ich fühle mich zu reif, um nachgeben zu können. Reif ist ein schlechtes Wort in diesem Fall...selbständig wäre vielleicht besser. Was auch immer der Grund sein mag für unsere Dissonanzen, sie scheinen sich wieder zu häufen. Nicht wirklich bedrohlich für unsere so lange Beziehung zueinander, aber doch störend. Ich hoffe, daß meine Eltern trotzdem spüren, daß ich dankbar bin für alles, was sie jemals für mich getan haben. Daß sie es verstehen und mir nachsehen, wie unbedarft und dumm ich mich heute immer noch benehme.

Was hilft da? Eigentlich nichts. Jedenfalls nichts, was ich wüßte. Denn: wüßte ich es, ich würde es liebend gerne machen. Euch allen da draußen kann man nur gratulieren, sollte es bei Euch immer reibungslos funktionieren, diese vertrackte Eltern-Kind-Geschichte. Und wenn es Euch so geht wie mir, dann kann ich nur sagen: Don´t worry, be happy. Ihr seid zumindest nicht allein.

05.02.04

Intoxinated Computer Gaming

Spieler A spielt - unter dem Einfluß einer Vielzahl von seltsamen Einflüßen, denen er sein Gehirn ausgeliefert hat - ein blutrünstiges, gewalttätiges Actionspiel (Halo - das übrigens den besten Mehrspieler-Kampagnenmodus in der Geschichte des Computers aufweist und der X-Box im Alleingang ihren hohen Anteil auf dem Spielekonsolenmarkt sichert).

Spieler B, wegen seines intoxinierten Zustandes, liegt entspannt kopfüber auf einem Sofa und schaut vorübergehend nur zu. Er konzentriert sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Energie darauf, wenigstens eines seiner Augen auf den Fernseher scharf gestellt zu bekommen und sich dabei weitest gehend zu erholen.

Spieler A gerät in einen Hinterhalt voller tückischer, mordlüsterner, außerirdischer Feinde, die ihn mit dem gesamten Waffenarsenal angreifen und ziemlich in die Ecke drängen. Er begleitet sein Ringen mit einem dumpfen Keuchen und Schnauben und vergißt völlig die Vielzahl der um ihn herumstehenden schwer alkoholisierenden Getränke.

Spieler B, in einem Moment völliger Selbstkontrolle, gibt einen Hinweis: "Jetzt mußt Du schweres Zeug nehmen. Handgranaten und so..."

Spieler A reagiert auf diesen gutgemeinten, fachmännischen Ratschlag nicht, ist aber auch voll in seinen Abwehrkampf eingespannt. Aufgrund seiner lebenslangen Erfahrungen mit berauschten Geisteszuständen ist er aber zusehends in der Lage, das Blatt zu wenden. Nach einer Pause von etwa 10 Sekunden sieht er sich in der Lage, auch verbal zu parieren: "...und Fußgranaten."

Den so zugespielten Ball fängt Spieler B sicher auf: "Genau! Zehn bis zwölf Fußgranaten reinschleudern..."

[so geschehen in einer uns bekannten Galaxie, an einem Donnerstag-Morgen]

04.02.04

Alltag

Der Typ gähnte wie ein Porschefahrer in der Rush-Hour. Sich mit dem Oberkörper auf der Lehne des Vordersitzes abstützend, hatte er sein Gesicht zur Seite gewandt und schaute aus verkniffenen Augen aus der offenen Tür. Das Mädchen neben ihm war die ganze Zeit still und bewegte sich während der Fahrt nur einmal - als sie nach drei Stationen aufsprangen und aus der Bahn rannten. Sonst saß sie kerzengerade da und schien nicht mal zu atmen. Der Dritte und einzige Dicke unter den dreien saß auf der anderen Seite des schmalen Ganges, hatte den Rücken zum Fenster und hing mit seinen Blicken am Munde des Porschefahrers.

Als die Bahn anfuhr, fing der Porschefahrer an zu erzählen. Seine Lautstärke deutete an, wie wenig er sich um uns andere Fahrgäste scherte. Sich die Bartstoppeln kratzend, verkündete er, daß er eigentlich am Wochenende mit seiner Freundin nach Hamburg wolle. Dort, so klang seine sonore, versoffene Stimme in unser aller Ohren, wolle er seinen Bruder besuchen.

Der hat nämlich eine schöne, neue Wohnung, die er zur Feier der Verlobung mit seiner neuen Braut bezogen hat, so fügte er an, ließ fast unbemerkt einige überflüssige Magenluft entweichen und schaute den Dicken bedeutungsvoll an. Der hob schläfrig eine seiner Augenbrauen.

"Det Problem is aber, dit der nur een Tag Ausjang hat.", hakte der Porschefahrer nach, "Und wahrscheinlich kricht er den nich am Wochenende."

Weil die Straßenbahn an einer Kreuzung stehen geblieben war, wandte er seinen Blick vom Dicken ab und schaute aus dem gegenüber liegenden Fenster. Den Arm vom Körper abgespreizt, bohrte er sich einige Zeit mit dem kleinen Finger seiner linken Hand im Ohr, bevor er fortfuhr: "Aber det is ja keen Problem. Ick versteh ma ja mit der Verlobten."

"Und deswejen könn wa ja so hinfahren, am Sonnabend, und in der Wohnung pennen, und haben dann am Sonntach den janzen Tach Zeit für meen Bruder."

"Jenau.", sagte der Dicke, "Is doch OK."

"Ja. Aber meen Vatter kricht keene Kohle von Arbeit, schon een oder zwee Monate nich.", wandte der Porschefahrer seinen Blick vom Fenster ab. Der Finger verschwand in Richtung Hosenbein. "Und die Kohle brauchen wa zum Tanken."

"Wieviel brauchst de denn?", zeigte der Dicke mäßiges Interesse, und kramte eine Zigarettenschachtel aus der Innentasche seiner schwarz-weiß karierten Wolljacke.

"Na, zweemal tanken mindestens. Und jrade ist det Auto leer.", antwortete der Porschefahrer und gähnte mal wieder, "Schon paar Wochen."

"Wieso kricht er denn keene Kohle?". Der Dicke hatte mittlerweile eine Aldi-Zigarette rausgekramt und war dabei, sie sich hinters Ohr zu stecken. Die Bahn hielt an.

"Weil die spinnen. Der ackert da und kricht einfach keen Jeld."

"Sind die pleite, oder wat?", fragte der Dicke und ließ die Schachtel umständlich in seiner Jacke verschwinden.

"Nah, wahrscheinlich. Jedenfalls könn wa ohne Kohle nich fahren."

Für einen Moment schwiegen alle drei. Allerdings schafften sie nicht mal das wirklich leise. Nach einer Pause flüsterte das Mädchen dem Porschefahrer etwas zu und nickte in Richtung der Kreuzung, an der wir standen.

"Scheiße, klar.", brüllte der Porschefahrer im Aufspringen, zog das Mädchen von ihrem Sitz und schubste sie vor sich her. "Wir müssen raus, ihr dummen Schweine."

Als sich die Tür hinter ihnen schloß, war Stille.