Für die Türken sollte Mittwoch ein großer Tag werden. In einer emotionsgeladenen Atmosphäre schlägt man die Schweiz, so war ihr Plan, und qualifiziert sich damit für die WM 2006 im eigenen Land. Gut, die WM findet in Deutschland statt. Da dort aber sehr viele Menschen türkischer Abstammung leben, würden die türkischen Spiele vor Kulissen stattfinden, die denen von Heimspielen sehr nahe kommen. Man könnte fast sagen, daß die Türkei wohl nie wieder so billig zu einer eigenen WM kommt.
Hätte, wenn und aber. Denn die Türken haben sich gegen die Schweiz eben nicht durchsetzen können - und haben sich nach dem Spiel in außergewöhnlicher Weise als schlechte Verlierer erwiesen. Was rückblickend die Stimmung vielleicht besonders angefacht hat, war die Verwandlung eines Elfmeters durch den Schweizer Frei bereits in der 2. Minute. Türkische Spieler und Fans fühlten sich von da ab ungerecht behandelt. Doch die Türken fanden über ihre Emotionen ins Spiel und schossen sich 3:1 in Front, bevor Streller in der 84. Minute das zweite Tor für die Schweizer erzielte. Zwar gelang den Türken noch ein weiterer Treffer zum Endstand von 4:2, jedoch waren sie wegen des Resultats des Hinspiels ausgeschieden.
Was danach passierte, ist jedenfalls bekannt. Fans warfen Gegenstände auf den Rasen, türkische Spieler und Ordner fielen über die Schweizer Spieler her, die sich anschließend aus Angst zwei Stunden in ihrer Kabine verbarrikadierten. Dies, nachdem die Schweizer Auswahl bereits bei der Einreise am Zoll schikaniert wurde und sich anschließend ohne Polizeischutz einem Hagel von Obst und Gemüse ausgesetzt sah.
Ungünstig für die Türken ist der Fakt, daß FIFA-Präsident Joseph Blatter bei dem Spiel anwesend war und die Ereignisse hautnah verfolgen konnte. Blatter ist übrigens Schweizer und wird, allein wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der kommenden WM, mit harter Hand für Ordnung sorgen. Daß sein Herz für die Heimat schlägt, was mit Sicherheit keinen geringen Einfluß auf das Strafmaß haben wird, hätten sich die überhitzten Gemüter in Istanbul vorher überlegen sollen.
Aber den Türken könnte auch von anderer Seite Ungemach drohen. Erst wehrten sich die Nachbarn der Schweizer, die Österreicher, dagegen, die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Türken aufzunehmen. Auch die Regierungen anderer EU-Nationen, darunter wohl auch die bundesdeutsche, stehen dem Konzept einer vollwertigen Mitgliedschaft der Türken eher ablehnend gegenüber. Man verweist auf unüberbrückbare kulturelle wie volkswirtschaftliche Unterschiede und hält den Türken gerne ihren unmodernen Umgang mit Frauen, Oppositon und Minderheiten vor.
Da kommt den Gegnern eines EU-Beitritts der Türken deren öffentliches Fehlbenehmen gerade recht. Niemand wird das je erwähnen, aber diese Bilder werden uns allen länger im Gedächtnis bleiben, als alle anderen Vorwürfe gegen das Land am Bosporus es jemals könnten. Ein Beitrag für ein positives Image waren die Ereignisse vom vergangenen Mittwoch jedenfalls nicht.
Und so haben die Türken unter Umständen etwas vollbracht, was noch niemand vor ihnen hinbekommen hat: ein Spiel verlieren und damit dreimal ausscheiden. Aus der WM 2006, aus der WM 2010 und unter Umständen sogar aus der EU.
chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)