In seinem den eigenen Durchbruch als Schriftsteller einleitenden Roman Deutschstunde lässt Siegfried Lenz den Protagonisten der Handlung, Siggi Jepsen, eine Strafarbeit schreiben. Das Thema des Aufsatzes lautet "Über die Freuden der Pflicht" und bietet dem als schwer erziehbar eingestuften Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit den Erfahrungen im eigenen Elternhaus auseinanderzusetzen. Bei diesem Thema kein Wunder also, wenn Lenz sich an einigen Stellen zum Begriff Pflicht äußert. Die Auffassung von Pflicht, die in Deutschland in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts verheerende Wirkungen zeigte, wird dabei exakt definiert:
Mein Vater hob die Hand, sichelte langsam in Höhe des Koppels und sagte warnend: Du weißt, Max, wozu ich verpflichtet bin. - Ja, sagte der Maler, ja, ich weiß, und damit Du es genau weißt: es kotzt mich an, wenn ihr von Pflicht redet. Wenn ihr von Pflicht redet, müssen sich andere auf was gefaßt machen.chiefpedro in Literatur | TrackBack(0)[An anderer Stelle:]
Gut, sagte er leise, wenn du glaubst, daß man seine Pflicht tun muß, dann sage ich dir das Gegenteil: man muß etwas tun, was gegen die Pflicht verstößt. Pflicht, das ist für mich nur blinde Anmaßung.
[Und später:]
Er habe genug bemerkt, sagte der Maler, zumindest habe er erfahren, was das für eine Krankheit sei: Pflicht, und was er dagegen tun könne, werde er tun; die Opfer erwarten dies, die Opfer der Pflicht.
[Zum Ende hin:]
Er hatte einen Tick zuletzt - so wie alle einen Tick bekommen, die nichts tun wollen als ihre Pflicht.