Warum ich letztendlich an jenem Morgen dieses Restaurant ausgesucht hatte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Zum Frühstücken nach einer langen Reihe von exzessiven Feiern und durchwachten Nächten gibt es in einer Stadt wie Berlin bessere Möglichkeiten und auch billigere Lokale. Und es gibt bessere und billigere Orte. Immerhin, hier am Potsdamer Platz, nicht weit vom Machtzentrum der Republik entfernt, hatten die Kellnerinnen prächtige Titten, waren gepflegt und hatten allgemein das Etwas an sich, das man Klasse nennt.
Der Typ drei Tische weiter bekam von diesen bahnbrechenden Beobachtungen nicht das Geringste mit. Offensichtlich bekam er überhaupt nicht viel mit, denn er hatte zu tun. Er aß. Den Salat in sich reinschlingend, daß man sein Geschmatze in der Betriebsamkeit einer Stahlgießerei nicht überhören hätte können, krümelte er mit seinen Croissants nicht nur seinen Tisch, sondern auch die nähere Umgebung gleichmäßig zu. Die Orangenschalen ließ er, nachdem er das Fruchtfleisch mit seinen Zähnen gierig herunter gerissen hatte, unbekümmert auf den Boden fallen. Cola und Tee verschüttete er mit zittrigen Händen auf Tischplatte und Anzug. Er schien sich dabei aber wirklich wohl zu fühlen. Denn er kicherte eigentlich ständig vor sich hin.
Eine ganze Weile später begann ich mich zu erkennen. Da saß gar kein Typ - da stand die ganze Zeit ein Spiegel. Letzten Endes war die Wahl des Restaurants also doch gut gewesen. Es war immerhin so anonym, daß ich mich für eine gewisse Zeit vor mir selber versteckt habe.
Und wo gibt es das schon? Wo braucht man Orte, in die man sich zurück ziehen, in denen man sich verstecken kann, dringender als in einem Regierungsviertel? Zumal vor sich selber ...