26.05.04

Pyrrhus-Sieg?

Da freut sich die Politprominenz der Union ausgelassen über die erfolgreiche Bundespräsidentenwahl. Konnte man doch endlich Stärke beweisen - wenn auch mit denkbar knappem Ausgang - und den längst fälligen Machtwechsel einleiten, so die siegestrunkenen Aussagen der Führungsriege der Schwesterparteien. Jedoch könnte sich der knappe Sieg des Unionskandidaten Horst Köhler über Gesine Schwan für die CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Angela Merkel nachträglich als Fallstrick erweisen. Denn die SPD, so hört man, denke darüber nach, Gesine Schwan ein politisches Amt zu verpassen.

Der Gedanke liegt nicht allzu fern, sie kurzerhand zur Kanzlerkandidatin zu küren. Bietet sie doch in ihrem Profil einige Punkte, die gerade im Kontrast zu Angela Merkel erheblich ins Gewicht fallen. Gesine Schwans akademischer Hintergrund wiegt den von Dr. Angela Merkel auf. Unzulänglichkeiten in Sachen Kompetenz wird man somit beiden nicht vorwerfen können. Ein weiteres Pfund einer Kanzlerkandidatur Angela Merkels ist ihre Vorreiterrolle: Sie wäre die erste Frau im Kanzleramt und zugleich die erste Ostdeutsche im machtvollsten politischen Amt der Bundesrepublik. Gesine Schwans Kandidatur würde eine wahlkampftaktische Erörterung des ersten Punktes überflüssig machen und schwächt den zweiten zugleich deutlich ab. Wegen der Niederlage bei der von parteitaktischen Vorgaben bestimmten Wahl zum Bundespräsidenten kann Gesine Schwan zudem auf hohe Sympathiewerte bei den Wählern setzen. Schlußendlich ist sie in der Politik gänzlich unverbraucht und unbelastet. Angela Merkel hingegen kann da so manche im Ungang mit den machthungrigen Ministerpräsidenten CDU-regierter Länder oder beim tagespolitischen Manövrieren im Fahrwasser der Regierungskoalition erlittene Blessur vorweisen.

Eine Kanzlerkandidatur Gesine Schwans würde somit handfeste Vorteile bieten, beraubt man doch Angela Merkel so aller ihrer Alleinstellungsmerkmale. Daß der Gedanke daran in den Kreisen der SPD nun erst wegen der von parteipolitischen Taktierereien bestimmten Wahl eines ansonsten überparteilich agierenden Bundespräsidenten entstehen kann, ist eben die Ironie des Ganzen. Dabei hätte die Wahl von Gesine Schwan am vergangenen Sonntag auch sonst im Interesse der Kanzlerkandidatin Angela Merkel gelegen: Welcher Wähler könnte einer Frau die Kanzlerschaft abstreiten, wenn der Republik eine Bundespräsidentin vorsitzt? Der 23. Mai, von der Opposition als erstes Zeichen des Machtwechsel verkündet, könnte somit dereinst als der Punkt in der Zeit betrachtet werden, an dem die Welle ihren höchsten Punkt erreichte - und zurück schwappte.

chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)
Comments
Post a comment









Remember personal info?