14.04.04

Der Rückzug in die eigene Unantastbarkeit

Aus Christa Wolf, Nachdenken über Christa T.:

Die Wahrheit ist: Wir hatten anderes zu tun. Wir nämlich waren vollauf damit beschäftigt, uns unantastbar zu machen, wenn einer noch nachfühlen kann, was das heißt. Nicht nur nichts Fremdes in uns aufnehmen - und was alles erklärten wir für fremd! -, auch im eigenen Innern nichts Fremdes aufkommen lassen, und wenn es schon aufkam - ein Zweifel, ein Verdacht, Beobachtungen, Fragen -, dann doch nichts davon anmerken zu lassen. Weniger aus Angst, obwohl viele auch ängstlich waren, als aus Unsicherheit. Eine Unsicherheit, die schwerer vergeht als irgend etwas anderes, was ich kenne.
Ein Phänomen, das typisch ist für repressive Staaten. Zugleich ein Phänomen, das während des letzten Jahrhunderts den Bürgern mindestens zweier deutscher Staatengebilde mit eisernem Griff die Luft zum Leben nahm. Die Unsicherheit, die ist bis heute nicht vergangen. Nur, das wir das nicht vergessen, woher sie stammt ...

chiefpedro in Literatur | TrackBack(0)
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